Sippenhaft?

Eigentlich kann ich mir kein Urteil erlauben. Weder habe ich nennenswerte juristische Kenntnisse, noch kenne ich Einzelheiten zum Fall, noch habe ich mich mit dem Hintergrund der betroffenen Gruppierung oder gar des Klägers vertraut gemacht.

Und doch irritiert es mich, wenn der Bundesgerichtshof folgendes schreibt:

“Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, mit der der Kläger in Gewahrsam genommen wurde, rechtfertigt die Annahme, dass er sich bei Fußballveranstaltungen in einem zu Gewalttätigkeiten neigenden Umfeld bewegt und von ihm deshalb künftige, Dritte gefährdende Störungen zu besorgen sind; auf den Nachweis, er habe sich an den aus der Gruppe heraus begangenen Gewalttätigkeiten beteiligt, kommt es nicht an.”

Ich habe mich hier im Blog das eine oder andere Mal über die Proteste gegen Stadionverbote gewundert bzw. mich in begründeten Fällen auch klar für deren rigorose Anwendung ausgesprochen. Gewalttäter gehören nicht ins Stadion, die Unversehrtheit der anderen Stadionbesucher ist ein sehr hohes Gut. Genau wie die Unschuldsvermutung, übrigens – auch wenn so vermutlich nur juristische Laien argumentieren können.

Bei jedem einzelnen meiner Besuche im Neckarstadion komme ich mit Mitgliedern von Fangruppen in Berührung, gegen die bereits das eine oder andere Stadionverbot ausgesprochen wurde. Nicht selten betrete oder verlasse ich mit ihnen den Block. Gelegentlich spreche ich sogar mit Menschen, gegen die bereits Sanktionen verhängt wurden. Sollte ich mir das abgewöhnen? Ab welchem Punkt gelte ich als Teil der Sippe?

Gegen alle direkten Freistöße!

Bei der EM 1996 bestritt die deutsche Mannschaft ihr letztes Gruppenspiel in Old Trafford gegen Italien. Italien musste gewinnen, Deutschland war bereits für das Viertelfinale qualifiziert und sah kein Land, hatte aber einen überragenden Köpke im Tor. Mitte der zweiten Halbzeit sagte Beni Thurnheer, der das Spiel gemeinsam mit Günter Netzer für das Schweizer Fernsehen kommentierte, sinngemäß folgendes:

“Ich hätte nicht gedacht, dass die Deutschen noch schlechter spielen könnten als in der ersten Halbzeit. Sie haben mich eines Besseren belehrt.”

Selten habe ich so oft an diesen Satz zurückgedacht wie während des gestrigen Spiels des VfB gegen den 1. FC Köln, in dem das schwache Niveau der zweiten Hälfte des Glasgow-Spiels vom Mittwoch über weite Strecken noch unterboten wurde. Zu keinem Zeitpunkt war ein Hauch von Inspiration, Esprit oder gar Spielwitz zu erkennen, um die sehr tief verteidigenden Kölner in Schwierigkeiten zu bringen. Viel schwerer wog allerdings der Eindruck, die Mannschaft habe nicht alles gegeben. Sie habe sich in die Kölner Vorgabe gefügt und sehr statisch den Ball hin- und hergeschoben, anstatt variabel und eben auch laufintensiv deren Defensive auszuhebeln, bzw. es zumindest zu versuchen. Sie sei nicht bereit gewesen, die Wege zu gehen, die man wohl gehen muss, um eine so massierte Deckung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und sie habe auch in punkto energischer, teilweise aufwändiger Ballgewinnung noch viel Luft nach oben. Ich selbst konnte mich dieses Eindrucks auch nicht erwehren, und hatte deshalb -im Widersprich zu meinen Aussagen kürzlich im VfB Fanpod – ausnahmsweise viel Verständnis für die “Wir wolln Euch kämpfen sehn”-Sprechchöre.

Ansonsten möchte ich über das Spiel nicht allzu viel sagen. Dass ich beim ersten Tor nicht weiß, über wen ich mich am meisten geärgert habe, vielleicht – Lehmann, der den Ball, wie von Tasci erwartet, locker hätte ablaufen können, Tasci, der weder zurückgespielt noch die rustikale Variante gewählt, sondern Träsch in Bedrängnis gebracht hat, oder Träsch, der ein Dribbling an der eigenen Eckfahne für eine gute Idee hielt. Oder dass Kuzmanovic gezeigt hat, dass er dirigieren will: sehr häufig sah man ihn mit ausgestrecktem Arm den Mitspielern anzeigen, wo sie den Ball hinspielen sollen – dumm nur, dass er mangels Alternativen in den allermeisten Fällen nur auf einen der Herren aus der Viererkette zeigen konnte. Oder dass die langen Diagonalbälle von Delpierre auf den rechten Flügel nicht nur ein ästhetischer Gewinn waren, sondern auch häufig ankamen – Gefahr ließ sich damit allerdings nicht heraufbeschwören, dafür waren sie dann doch zu lange unterwegs.

Nun ist es aber wirklich genug – lieber nochmal was vom Spielfeldrand, auch wenn ich mich wiederhole. Irgendwann zwischen der 75. und 80. Minute wurden, beim Stand von 0:1, einmal mehr Rufe “Gegen ALLE Stadionverbote” zum Besten gegeben. Mit Verlaub: das halte ich für großen Unsinn. Kann irgendjemand glauben, ernst genommen zu werden, wenn er so etwas fordert? Einen Freibrief für alle? Ohne zu differenzieren, wie man es noch vor einiger Zeit mit dem Motto “Gegen willkürliche Stadionverbote” völlig zurecht getan hatte? Freie Hand für Randalierer, Gewalttäter, Brandschatzer? Wollen wir das Ganze dann auf die gesamte Gesellschaft ausweiten und jegliche Sanktionen für Straftaten abschaffen? Oder der Einfachheit halber beim Fußball bleiben und demnächst “Gegen alle direkten Freistöße” oder “Gegen alle gelben Karten” skandieren?

Nochmal im Ernst: ich bin ein entschiedener Gegner von Sippenhaft und von willkürlichen Stadionverboten, die rechtsstaatliche Prinzipien verhöhnen. Und ich befürchte, dass genau dies auf einen nicht unerheblichen Anteil der derzeit gültigen Stadionverbote zutrifft. Aber will wirklich jemand behaupten, man müsse buchstäblich jeden in ein Fußballstadion lassen, egal welche Vergehen er sich in ähnlichem Kontext bereits zuschulden kommen ließ und welche Gefahr von ihm oder ihr ausgeht? Das kann niemandes Ernst sein.

Schnick Schnack Schnuck

Man kann vermutlich geteilter Meinung darüber sein, ob das letzte Heimspiel der Saison, in dem es für die eigene Mannschaft um sehr viel geht und in dem sie sich erkennbar schwer tut, ein geeigneter Zeitpunkt ist, um allzu viel Aufwand in den Protest gegen Stadionverbote zu investieren.

Das Anliegen selbst ist meines Erachtens durchaus berechtigt, da eine gewisse Willkür mitunter nur schwer zu übersehen ist. Etwas anders sieht die Sache allerdings aus, wenn sich wenige Augenblicke nach Verklingen der Proteste ein armseliges Würstchen bemüßigt fühlt, einen Knallkörper abzufeuern, der auf den Rängen in Kopfhöhe explodiert (wie dumm man sein muss, um besagten Knallkörper aus dem eigenen Fanblock in den eigenen Fanblock zu feuern, lasse ich hier einmal dahingestellt). Wenn es die Redewendung mit dem Bärendienst noch nicht gäbe, müsste man sie hier wohl erfinden. Meine persönliche Meinung ist jedenfalls weiter gefestigt: FÜR Stadionverbote, auf Basis von Verfahren, die sich an rechtsstaatliche Prinzipien halten, gegebenenfalls aber gerne ohne räumliche oder zeitliche Einschränkung.

Es ist kein richtig schönes Gefühl, sich im Stadion alle 30 Sekunden umdrehen zu müssen, weil man befürchtet, der Idiot habe möglicherweise noch mehr Knaller im Köcher. Hätte der VfB gegen Cottbus (2:0), um im Bild zu bleiben, ein fußballerisches Feuerwerk abgebrannt, wäre der Fokus vermutlich rascher wieder auf das Feld gewandert; dem war aber keineswegs so. Obwohl das von allen erhoffte frühe Tor in der 19.Minute tatsächlich fiel, war der Titelkandidat (Hört, hört!) nicht in der Lage, das Spiel danach so zu dominieren, dass der zweite oder dritte Treffer zum Selbstläufer geworden wäre. Vielmehr zeigte man sich nervös, teilweise auch zu lässig (Lanig), und entwickelte vorne zu wenig Gefahr. Dabei bemühte sich die Mannschaft über weite Strecken des Spiels durchaus, die offensichtlich vorgegebene Marschroute, über die Außen zum Erfolg zu kommen, umzusetzen. Besonders Christian Träsch deutete dabei -für mich erstmals- an, dass er auch offensiv in der Lage ist, mehr als nur sporadische Akzente zu setzen.

Es war der starken Defensivzentrale zu verdanken, dass Cottbus selbst kaum gefährlich vor das Tor von Lehmann kam – insbesondere der vor Motivation und Engagement sprühende Boulahrouz und Kapitän Hitzlsperger unterbanden die Cottbusser Bemühungen sehr wirkungsvoll. Lanig mag sich wegen seiner vier gelben Karten im Zweikampf zurückgehalten haben; in München wird man aber nur mit einem starken Sami Khedira bestehen können.

Mitte der zweiten Halbzeit wurde es dann laut auf den Rängen. Und zwar richtig laut. Man hätte meinen können, Bayern und Hertha lägen deutlich zurück und Hannover 96 habe sich doch noch entschlossen, am Spiel gegen Wolfsburg teilzunehmen, und sei nun auf dem besten Weg, die Partie zu drehen. Tatsächlich hatte sich jedoch nur Mario Gomez den Trainingsanzug ausgezogen und stand zur Einwechslung bereit. Wäre ich nicht selbst massiv befallen, würde ich wohl von einer nahezu grotesken Heldenverehrung reden. So aber bleibt festzuhalten, dass Gomez entscheidend dazu beigetragen hat, doch noch rechtzeitig den Sieg zu sichern, und man konnte sich des Eindrucks nicht gänzlich erwehren, dass nicht nur der Stuttgarter Anhang mit der Einwechslung des Heilsbringers jeden Zweifel am Sieg verlor, sondern dass zudem bei den Cottbusser Feldspielern ein gegenteiliger Effekt wirkte.

Der zweite Heilsbringer, Teamchef Markus Babbel, ließ sich nach der endgültigen Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb auch nicht mehr länger bitten, sich erstmals seit dem Meisterschaftsgewinn 2007 (damals auch gegen Cottbus, wobei er selbst, wie in 31 anderen Spielen, nicht zum Einsatz gekommen war) wieder in der Kurve zu zeigen. Sehr nett, übrigens, gerade ihm das nicht ganz überraschende “Zieht den Bayern die Lederhosen aus!” entgegen zu schleudern.

Nun haben wir also eine Situation, in der vor dem letzten Spieltag von Platz 1 bis 4 zumindest auf dem Papier noch alles möglich ist. Über Chancen, Wahrscheinlichkeiten und Szenarien wird allenthalben spekuliert. Von den letzteren gefallen mir zwei am besten:

  1. Werder und der VfB gewinnen, der Rest ist egal.
  2. Werder führt in Wolfsburg.
    In München treffen sich in der 88. Minute die Herren Hitzlsperger und van Bommel an der Mittellinie und klären nach kurzer Diskussion der Rahmenbedingungen (Best of 5, Best of 7?) mit einer Partie “Schere, Stein, Papier”, welcher Torwart nun das Feld verlassen muss, um den Meistertitel für den VfL Wolfsburg und Felix Magath zu verhindern.
    (Hitzlsperger gewinnt. Hat er in England gelernt.)

Der Haken bei beiden genannten Szenarien ist -abgesehen vom nicht vorhersehbaren Verlauf des VfB-Spiels in München- die Tatsache, dass sie dem SV Werder eine Rolle beimessen, die ihm nur wenige zutrauen. Per Twitter hatte Werderfan @medispolis gemutmaßt, im Falle einer Niederlage in Istanbul müsse sich die Mannschaft in Wolfsburg rehabilitieren, während ich eher auf die Chance gehofft hatte, dass euphorisierte Bremer nach dem Uefa-Cup-Sieg die Wolfsburger trotz Katers wegputzen. Letztlich halte ich aber die Sichtweise eines guten Freundes für die wahrscheinlichste:

“Werder ist am Samstag entweder besoffen oder hat keine Lust mehr.”

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Abschließend noch der Hinweis, dass allem Anschein nach nicht nur verschiedene Mannschaften bereits mit der Saison abgeschlossen haben – auch im Printbereich lässt die Konzentration nach: laut der Sonntagsausgabe der Stuttgarter Zeitung soll in der kommenden Saison Eduard Geyer die VfB-Amateure trainieren, und bei der FAS meint man gar, im Hoffenheimer Tor habe Dieter Hildebrandt gestanden.