Da hab ich wohl was verpasst…

Aus guten Gründen konnte ich das Spiel des VfB in Nürnberg nicht sehen. Noch nicht einmal in der Zusammenfassung, außer man will die paar Szenen, die es bei Sport im Dritten zu sehen gab, als Spielbericht bezeichnen.

So kann ich also nichts über das Spiel sagen, und muss doch davon ausgehen, dass sich Bemerkenswertes ereignet hat. Die Stuttgarter Nachrichten schreiben von „Taktikfuchs“ Labbadia, der in die „Taktik-Kiste“ gegriffen habe, Bild hat zumindest einen „Taktik-Trick“ ausgemacht, und die Stuttgarter Zeitung will gar eine „Glanzleistung des Trainers“ gesehen haben.

Möglicherweise stimmen all diese Einschätzungen, und ich bin auch weit davon entfernt, „Glanzleistungen“ von Bruno Labbadia als Ding der Unmöglichkeit abzutun – der Klassenerhalt in der Vorsaison ist schließlich mit Glanzleistung noch zurückhaltend beschrieben, der Anteil des Trainers gewiss nicht gering, und die bisherige Bilanz der Saison 2011/2012 ist aller Ehren wert. Dass aus meiner Sicht manches im Argen liegt, dass man meines Erachtens über die Nachwuchsförderung sehr geteilter Meinung sein kann, dass mich die Personalien Leno und auch Gebhart sehr befremden, dürfte die halbwegs regelmäßige Leserin wissen. Dennoch: Tabellenplatz 5, Solidität, Kompaktheit, zum Teil gewiss auch die guten Neueinkäufe – Labbadia hat einige Gründe, zufrieden zu sein. Und wir, die wir mitunter schimpfen, seine Auswechslungen kämen zu spät oder falsch oder gar nicht, müssen vielleicht anerkennen, dass ein guter Trainer gar keine Auswechslungen braucht, um das Spielsystem so sehr zu verändern, dass aus einem verheerenden ein allem Anschein nach guter Auftritt wird. Oder so.

Es ist nur so ungewohnt, auf zahlreichen Kanälen Lobeshymnen auf den Trainer zu hören, nachdem er, nun ja, seinen Job gemacht hat, wenn auch anscheinend gut gemacht hat. Man würde gerne fragen, ob das so außergewöhnlich ist, und wieso. Und was es mit dem bemerkenswerten Medienecho auf sich hat, zumal Labbadia auch noch erstmals in seiner Zeit als VfB-Trainer im Sportstudio auftrat. Es stehen doch keine Vertragsverhandlungen an, oder?

Und wenn mir jetzt noch bitte jemand sagen könnte, ob die Ausführungen in einer der Stuttgarter Zeitungen, wonach Sven Ulreich nicht sehr souverän gewirkt habe, zutreffen? Und was ist da dran an den Tuscheleien über Gebharts gutes Verhältnis zu bzw. mögliche Abwerbeversuche von Hoffenheims Manager Tanner?

Oder wird das alles nur von einem medialen Taktikfuchs lanciert?

 

He who must not be named

Was hätte ich alles andenken wollen in den letzten 10 Tagen. Hat sich ja doch so einiges angeboten.

Eines der großartigsten Wochenenden in der Geschichte der Frauenfußball-Weltmeisterschaften, zum Beispiel. Vier Viertelfinalspiele, drei Verlängerungen, zwei Elfmeterschießen, und ich hab grade mal ein Spiel gesehen. Im Wachkoma, wenn ich ehrlich bin, genau wie die Schiedsrichterin. Machte nichts, Frau Wambach war ja da. Auf die Gründe werde ich später mal eingehen. Von den Halbfinals konnte ich nicht viel mehr sehen. Den einen großen Pass (besser: Pässchen) von Louisa Necib natürlich schon.

Vor allem aber hätte es verdammt viel zu sagen gegeben über den VfB Stuttgart. Über eine Medienoffensive, die auch einem Wahlkampf zur Ehre gereicht hätte, in dem es mehr als nur einen Kandidaten gibt. Über Medien, die bereitwillig mitspielten.

https://twitter.com/#!/heinzkamke/status/90427869599240192

Über sprachliche und juristische Spitzfindigkeiten, eine diskutable Tagesordnung des VfB und indiskutables Gebaren der DFL, über einen dünnhäutigen Kandidaten und mindestens einen selbstbewussten Nichtkandidaten, über die Stuttgarter Zeitung, die sich nicht entblödet, ihre VfB-Clique der Lächerlichkeit preiszugeben, und einen Redakteur, der eben darauf nach meinem Eindruck allzu gerne verzichtet hätte.

Über zwei diametral entgegengesetzte Aussagen zu ein und demselben Telefonat. Von den zwei Gesprächspartnern selbst. Einer lügt, könnte man meinen, wenn Karl Allgöwer sagt, Dieter Hundt habe seine, Allgöwers, Einbindung beim VfB verhindert, während Erwin Staudt, der am anderen Leitung gewesen war, darauf besteht, dass der Name Hundt in jenem Telefonat, korrekter: „in dem Zusammenhang“, definitiv nicht gefallen sei. Nun, ich habe keinen Grund, an den Worten Karl Allgöwers zu zweifeln. Bei Herrn Staudt stellt sich das seit damals ein wenig anders dar; dennoch werde ich mich hüten, ihn der Lüge zu bezichtigen. Auf die wohl wahrscheinlichste Variante hat mich heute ein Freund gebracht:

„Karle, alter Genosse, unter uns Sozen:
ich hätte Dich echt gern dabei, aber ich habe mich mit verschiedenen Leuten im Verein ausgetauscht, und es geht leider nicht.
He who must not be named ist dagegen.“

Das war jetzt der ernsten Situation nicht ganz angemessen. Und vielleicht ein wenig respektlos Herrn Staudt gegenüber, dessen für den VfB geleistete Arbeit ich sehr schätze. Er ist es ja mittlerweile gewohnt, „dass jeder, der einen Kugelschreiber in der Hand hat“, und ich vermute, darunter sind auch Menschen mit einer Tastatur auf dem Schoß zu subsumieren, „seine Expertisen über Menschen abgeben darf, deren Erfahrungen die eigenen bei Weitem übersteigen.“ Touché, Monsieur le Président, ich bekenne mich schuldig.

Aber wie gesagt: all das hat sich bereits im Lauf der letzten Tage abgespielt, und erfreulicherweise wurde vieles aufgegriffen und in angemessener Form kommentiert, kritisiert und bewertet. Die geschätzten Damen und Herren von Kick-S haben das meiste davon zusammengetragen und verlinkt, kann ich nur jedem ans Herz legen.

Mein Lieblingsinterview, das bereits im oben zitierten Tweet angeklungen ist, haben sie leider nicht erwähnt, deshalb muss ich doch noch einmal kurz darauf zurückkommen. Es geht um ein Interview der Stuttgarter Nachrichten vom 9.7., das Gunter Barner mir Dieter Hundt führte in dem Gunter Barner als Stichwortgeber für Prof. Dr. Dieter Hundt fungierte. Möglicherweise ist meine Lesart ein wenig gefärbt durch die Eindrücke der vergangenen Woche, vielleicht kommt die geneigte Leserin zu einem ganz anderen Eindruck als ich. Dennoch möchte ich nicht darauf verzichten, kurz meine Lieblingsstelle zu zitieren, in der der Journalist sein Gegenüber scharf angeht:

Ihre öffentlichen Äußerungen werden als Einmischung verstanden. „
„Nennen Sie mir einen Fall, in dem ich ein Vorstandsmitglied korrigiert oder kritisiert habe.“

Herr Barner hat ihn also ganz schön in die Ecke gedrängt. Mir persönlich würde es zwar an dieser Stelle schwer fallen, auf Herrn Professor Hundts Aufforderung hin konkret zu werden, da geht es mir wie den Herren von der VfB-Clique: „Das kriegen wir ja alles so nicht mit„. Ich würde bestenfalls stotternd auf den unsäglichen Versuch der Demontage des damaligen neuen Übungsleiters Armin Veh hinweisen, der vom Aufsichtsratsvorsitzenden als Übergangslösung tituliert worden war – ein Vorgang, den man nur mit viel Phantasie als Rückendeckung für den verantwortlichen Manager Horst Heldt auslegen kann. Der damals allerdings noch kein Vorstandsmitglied war, also alles im Lot. Möglicherweise würde ich sogar noch die Feststellung zustande bringen, dass der Vorwurf der Einmischung sich nicht zwingend auf die Kritik an einem Vorstandsmitglied beziehe, die Korinthe muss man ja auch mal kacken dürfen. An einem besonders mutigen Tag würde ich dann gar noch auf den Abschied von Herrn Gross zu sprechen kommen, aber da weiß man ja, dass ich eher befangen bin. Letztlich würde ich also den Schwanz einziehen, aus Feigheit und mangels Hintergrundwissen.

Aber der Herr Barner, der ist ja aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Er ist lange dabei, kennt das Geschäft, hat gewiss ein breites Kreuz und ein weit verzweigtes Netzwerk, das auch solche Geschichten wie die wenige Tage später von Karl Allgöwer erzählte kennt. Und sowieso hat er sich gewiss mit denjenigen ausgetauscht, die Herrn Professor Hundt der Einmischung bezichtigen, und kann ihre Argumente herunterbeten, egal ob mit oder ohne Überzeugung. Er wird dem Aufsichtsratsvorsitzenden eine ganze Liste von Fällen präsentieren und ihn damit so richtig unter Druck setzen. Hier also seine Replik:

Warum halten Sie sich öffentlich nicht mehr zurück?“

Draco Malfoys Cousine

Im Grunde kann ich mir nur vorstellen, dass Heike Makatsch eine Wette laufen hatte. Vielleicht sogar mit Mathilde Bonnefoy selbst:

Heike, ich wette, dass Du es nicht wagst, meinen Namen vor einem Millionenpublikum total deutsch auszusprechen.

„Du meinst, ich soll so tun, als ob ich Deinen Namen noch nie gehört und mich als Laudatorin überhaupt nicht vorbereitet hätte? Und ihn dann so aussprechen, wie er geschrieben wird?“

Ja, genau so. Wenn Du willst, kannst Du ja noch das e weglassen, sonst wär’s vielleicht etwas dick aufgetragen.

„Das e? Das von Mathilde? Nee, das bleibt natürlich. Ich lass vielleicht das bei Bonnefoy weg, dann klingt der Name irgendwie nach der freundlichen Cousine von Draco Malfoy.“

Das traust Du Dich doch im Leben nicht!

„Wetten?“

Sollte es sich indes nicht so zugetragen haben, früge ich mich dann doch ein wenig, ob es zuviel verlangt ist, dass Menschen, die den Deutschen Filmpreis verleihen dürfen, sich wenigstens zwei Minuten mit den Namen der potenziell Auszuzeichnenden auseinander setzen? Mathilde Bonnefoy, Ueli Christen, Hansjörg Weißbrich – drei Namen, zwei davon relativ unproblematisch, einen wird man als Gewinner in der Kategorie Schnitt nennen dürfen, und der- oder diejenige wird diese Szenen möglicherweise noch in Jahrzehnten den eigenen Enkeln vorführen wollen. Sollen die dann stets fragen, wieso die blonde Frau den Namen falsch ausgesprochen hat?

Irgendwie erscheint mir das nicht sehr respektvoll. Sowohl gegenüber den Handelnden als auch mit Blick auf ihre Leistung. Gleichzeitig sehe ich ein, dass es wohl gang und gäbe ist. Schließlich hat ja auch Frau Berben bei der Verleihung der bronzenen Lola Regisseur „Andreas Veiel“ genannt. Sicher, Andres ist in Deutschland kein allzu weit verbreiteter Name, da kann man schon mal an einen Tippfehler glauben. Ging mir auch so, damals, vor vielen Wochen, als ich erstmals etwas über „Wer wenn nicht wir“ las. Bei der zehnten Nennung wurde ich dann allerdings ein wenig hellhörig.

Nun mag es sein, dass Frau Berben zu viel zu tun hat, um Artikel über noch nicht so etablierte Regisseure und deren Filme zu lesen. Wenn man allerdings einen Preis verleihen darf… ach, das hatten wir ja schon.

Die Stuttgarter Zeitung fiel übrigens auf Frau Berbens Fehlinformation nicht herein:

Bronzene Lola:
„Wer wenn nicht wir” von Regisseur Andrea Veiel

Aber die mussten auch keinen Preis verleihen.

Vielleicht aber bin ich nur ein vermeintlicher Besserwisser, der sich nicht zu Dingen äußern sollte, von denen er keine Ahnung hat. Denn auch bei der Bekanntgabe der Nominierungen las Christiane Paul den Namen „Mathilde Bonnefoy“ ohne jegliche Anlehnung an die französische Sprache vor. Zweimal mit „e“. Möglicherweise stellt sich Frau Bonnefoy gar selbst so vor? Weiß jemand mehr?

Standardfloskeln

Endlich habe ich wieder einmal ein VfB-Spiel anschauen können, nachdem ich von den Partien in Chemnitz und gegen St. Pauli so gut wie nichts gesehen hatte. Soviel zum Positiven.

Ok, war vielleicht auch nicht anders zu erwarten. Schließlich hatte die Stuttgarter Zeitung schon morgens über die aktuellen Problemfelder der Mannschaft informiert.

Über Zdravko Kuzmanovics „Gehabe“ bei Freistößen, beispielsweise, und darüber, dass „die Qualität seiner Freistöße mit der Show davor nur selten mithalten“ könne. Interessante Sichtweise, wenn man sich mit einem Verein beschäftigt, der in Sachen Freistöße noch immer dem frühen Balakov nachtrauert, bei dem der letzte vor Kuzmanovic direkt verwandelte Freistoß vermutlich der von Toni da Silva im DFB-Pokal-Halbfinale 2007 war [Korrektur: Hitzlsperger traf zuletzt im Mai 2009, zudem gab es noch mindestens drei weitere] und wo Kuzmanovic nach nicht einmal einem Drittel der laufenden Saison drei direkte Freistoßtore in Pflichtspielen zu verbuchen hat. Da ist es mir – das mag an meiner Oberflächlichkeit liegen – eigentlich ziemlich egal, was er vor dem Schuss tut. Und wie er hinterher jubelt. Aber meine Psychologiekenntnisse sind bestenfalls rudimentär. Vielleicht spaltet ein gemeinsamer, noch dazu eingeübter Torjubel zweier Spieler ja tatsächlich die Gruppe und verstärkt die Isolation von Ersatzkapitän Cacau. Vermutlich haben die Experten recht. Das Spiel in Wolfsburg hat sie zumindest nicht widerlegt.

Auf die schlechte Kommunikation und das nicht funktionierende Team wurden wir ebenfalls hingewiesen. Es mag durchaus sein, dass die Mannschaft interne Reibereien hat, auch Martin Harnik hat sich gestern bei Sport im Dritten nicht gegen die Andeutung gewehrt. Das jedoch daran festzumachen, dass in Chemnitz Ciprian Marica zum Elfmeter antrat, „obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich klar war, dass er an diesem Tag kein Glück haben würde“ und dass es „in einem funktionierenden Team […] Spieler gegeben [hätte], die Marica zumindest auf die Gefahren bei diesem Strafstoß hingewiesen hätten“, finde ich, nun ja, ungewöhnlich.

„Elfmeter? Ich mach ihn rein!“
„Bist Du sicher, Cipi?
„Klar bin ich sicher. Ich bin Stürmer!“
„Dann lass mich Dich wenigstens kurz auf die Gefahren hinweisen. Bist Du Dir darüber im Klaren, dass Du auch scheitern könntest, gerade heute, wo Du ohnehin keinen Ball triffst? Dann scheiden wir möglicherweise aus, der Trainer muss gehen und Du sitzt am Wochenende nur auf der Bank.“

Entschuldigung, da ging wohl was mit mir durch.

Zurück zum Wolfsburg-Spiel. Mit einer gewissen Berechtigung wies der Sky-Reporter verschiedentlich darauf hin, dass der VfB von Verletzungen geplagt sei, dass 8-10 Spieler fehlten. Ich nickte wissend, um mich dann zu fragen, wie vielen der 10 ich zutrauen würde, der Mannschaft zu einem Leistungssprung zu verhelfen. Dem gesperrten Delpierre. Und, äh, keinem. Ok, anders gefragt: wie viele von den 10 ich bei völliger Fitness in der Startelf hätte sehen wollen. Didavi. Und, hm, Audel. Ach nee, gleiche Position.

Tja. Wie bereits verschiedentlich gesagt: der VfB hat einen soliden Bundesligakader mit braven Bundesligaspielern. Spieler von internationalem Format, wie man sie im Vorjahr mit Khedira, Lehmann (ja, ja) und gelegentlich Hleb hatte, sind gegenwärtig eher spärlich gesät. Extrem spärlich.

Wenn also die Individualisten fehlen, trifft es sich ja ganz gut, dass der Trainer in verschiedenen Medien dahingehend zitiert wird, dass man für taktische Einheiten gegenwärtig „keine Zeit“ habe. Ist ja auch nicht nötig, schließlich sei man gegen Wolfsburg, so Trainer Keller, gut gestanden und habe nur wenig zugelassen. Nur die Standards, an denen müsse man wohl noch arbeiten. Ganz ehrlich: ich habe diese Trennung noch nie verstanden. Wenn ich im „normalen“ Spiel ganz gut verteidige, bei jedem einzelnen Eckball und jeder Freistoßflanke jedoch ein Gegentor in der Luft liegt, dann habe ich einfach nicht gut verteidigt. Standardsitauationen sind Teil des Spiels. Integraler Bestandteil. Für viele Mannschaften eines der wichtigsten taktischen Mittel. Zum Beispiel für Mannschaften, die einen Spieler wie Diego in ihren Reihen haben, der mit ruhenden Bällen durchaus etwas anzufangen weiß. Da könnte man sich vielleicht drauf vorbereiten. Und bitte nicht hinterher sagen, dass man doch bis auf die Standards ganz gut ausgesehen habe.

Ach, egal. Ich bin sauer. Schon wieder. Und unstrukturiert. Und kann gar nicht all die Dinge aufzählen, über die ich mich ärgere. Egal, ob es Celozzis unsinnige Halbfeldflanken sind, Molinaros(!) unsinnige Halbfeldflanken, Gentners Alibispielweise, Cacaus Aufstellung als Stoßstürmer, Boulahrouz‘ Kerze, Kuzmanovics Handlungsgeschwindigkeit, Harniks überhasteter Abschluss, Ulreichs… Halt, Schweigegelübde! Undsoweiter undsoweiter.

Aber natürlich wendet sich alles zum Guten – vielleicht noch nicht gegen Getafe, aber am Sonntag gegen Werder.

Stellenbeschreibung

Im Zusammenhang mit der Entlassung von Christian Gross ist bekanntlich auch die Vereinsführung und nicht zuletzt der Aufsichtsrat teilweise heftiger Kritik ausgesetzt.
Zurecht, wie ich finde.

Dabei war für Außenstehende lange Zeit nur schwer nachvollziehen, welche Rolle der Aufsichtsrat inne hat. Erfreulicherweise hat dessen Vorsitzender am 8. Oktober gegenüber der Stuttgarter Zeitung für Klarheit gesorgt:

Ganz außenstehend sind Sie aber nicht. Ist Gross noch der richtige Trainer?

Wir haben keine Trainerdiskussion. Im Übrigen wäre dies ein Thema der operativen Vereinsführung mit dem Präsidenten Erwin Staudt und dem Finanzvorstand Ulrich Ruf.
Das ist keine Angelegenheit des Aufsichtsrats.

Am selben Tag zitierten ihn auch die Stuttgarter Nachrichten:

Gibt es ein Ultimatum?

Nein. Wir haben keine Trainerdiskussion. […]

Käme dann Christoph Daum infrage?

Dies entscheidet die Vereinsführung. Natürlich würde sich der Aufsichtsrat bei dieser Frage miteinbringen.

Wenn ich das richtig verstehe, überlässt der Aufsichtsrat die Bewertung der Arbeit des Trainers dem Vorstand. Bei der Neubesetzung der Stelle bringt er sich dann ein.

Gut, dass wir das geklärt haben.

Gewissensprüfung

Keine Sorge, ich will jetzt nicht von alten Zeiten erzählen, von damals, als wir noch eine Wehrpflicht hatten, von Glaubens- und Gewissensgründen, von konstruierten Beispielen mit bedrohten Familienangehörigen und zufällig herumliegenden Waffen. Oder von meiner Dankbarkeit gegenüber all jenen, die sich der Gewissensprüfung unterzogen und uns später Geborenen den Weg zum Zivildienst erleichterten.

Mein Gewissen wird jedes Jahr geprüft.
Jeden Herbst, um genau zu sein.

Bin ich noch immer gewillt, am Samstag der Familie stundenlang den Rücken zu kehren, um mir eine von zahlreichen Niederlagen des VfB anzusehen? Steht es nach der fünften Niederlage in 6 Spielen noch unverrückbar fest, das ich auch am nächsten Wochenende ganz selbstverständlich ins Neckarstadion gehe, um die Partie gegen eine weder überdurchschnittlich sympathische noch überdurchschnittlich attraktiv spielende Bundesligamannschaft nicht nur anzuschauen, sondern die eigene Mannschaft nach Leibeskräften (klingt irgendwie… körperlich, nicht?) zu unterstützen? Gebe ich mich erneut wochen- oder gar monatelang mit spielerisch uninspirierten Vorstellungen zufrieden, nehme reihenweise individuelle Fehler hin, und ein Abwehrverhalten, das zu häufig an eine Schülermannschaft erinnert?

Lasse ich mich einmal mehr mit dem Hinweis vertrösten, dass die Vorbereitung wegen der vielen WM-Teilnehmer so schwierig gewesen sei, ganz zu schweigen von der unglücklichen Fügung, dass man erneut potenziell entscheidende Positionen erst am Ende der Transferperiode besetzt hat? Oder anders: ignoriere ich wieder einmal meinen Eindruck, dass andere Vereine diesem Problem nicht Jahr für Jahr nahezu hilflos gegenüber stehen?

Will ich ein weiteres Jahr mit den Schultern zucken, wenn die akustische Auseinandersetzung mit dem Gegner nur selten über „Scheiß KSC“, „Ruhrpottkanacken“ oder „Dortmunder Arschlöcher“ hinausgeht? Wenn der zumindest ansatzweise kreative nicht plump beleidigende Versuch eines Teils der gefühlten Cannstatter Kurve, den Ruf „Stuttgarter Arschlöcher“ mit „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ zu beantworten, rigoros überstimmt und in ein glorreiches „Scheiß Leverkusen“ überführt wird?

Soll ich mich auch in dieser so katastrophal beginnenden Saison regelmäßig über die lokale Presse ärgern, anstatt den VfB einfach mal VfB sein zu lassen? Mich wundern, dass die Stuttgarter Zeitung bei der Aufstellung verlässlich daneben liegt, gerne auch mal gesperrte Spieler in der Startelf erwartet?

Bin ich bereit, die Versuche des Vereins, mich zur Stadionkarte zu zwingen, weiterhin hinzunehmen? Das Netz zieht sich weiter zu. Der Weg vom PSV, wo man sich noch mit (einer zunehmenden Menge) Bargeld verköstigen kann, zur Kurve ist für diese Saison gesperrt worden. Aus Sicherheitsgründen, heißt es. Anders gefragt: bin ich bereit, meine „Stadion“wurst demnächst Stunden vor dem Spiel in der Stadt zu essen, oder bleibe ich dann doch ganz daheim?

Die Antworten sind klar. Auch nach einem wahrlich verheerenden Auftritt gegen Leverkusen.

Ja, die Familie weiß das. Ja, selbstverständlich schaue ich mir auch Frankfurt an und unterstütze die Mannschaft. Nein, ich gebe mich nicht zufrieden, gehe trotzdem hin und hoffe.

Nein, ich bin entsetzt und ignoriere meinen Eindruck nicht. Aber ich gehe weiterhin hin.

Ja, ich nehme das hin. Entscheide selbst, an welchen Fangesängen ich mich beteilige. Und freue mich, wenn bei einem furchtbaren Spiel ein gänzlich unerwartetes, von mir noch nie gehörtes „Wenn wir wollen, fressen wir Euch auf!“ kommt, dessen absurde Komik sich dem nicht Dabeigewesenen kaum erschließen dürfte.

Nein, ich soll nicht, aber ich tu’s. Auch hier gilt: man gibt die Hoffnung nicht auf. Und freut sich über die Positivbeispiele.

Ja, ich nehme das hin. Bin entschlossen, mich nicht kleinkriegen zu lassen. Lege aber die Hand für mich nicht ins Feuer.

Fußballclub Blau-Rot Stuttgart?

Als gestern Nachmittag Twitter-User @konni über eine für heute angekündigte Pressekonferenz des VfB informierte, schossen die Spekulationen ein wenig ins Kraut. Irgendwie klang es nicht so, als würde man „nur“ den hoffentlich bevorstehenden Vertragsabschluss mit Theo Walcott Cristian Molinaro bekanntgeben wollen. Kurz ergriff mich Panik angesichts der zu meinem Bedauern auf den Spätherbst verschobenen Vertragsgespräche mit Christian Gross und des noch immer kolportierten Hamburger Bemühens um den Trainer des VfB. Allerdings würde dann wohl eher der HSV zu einer Pressekonferenz einladen, sagte ich mir, und erinnerte dann glücklicherweise die noch immer offene Frage nach dem künftigen Hauptsponsor, die wohl das Thema sein müsse.

Was sich dann insofern bestätigte, als spätestens um 19 Uhr ganz Twitter den Namen des neuen VfB-Hauptsponsors kannte: Gazi. Gazi? Ja, Gazi.

Beim abendlichen Sport, den ich mit wenig twitteraffinen Menschen betrieb, hatte ich die Info noch exklusiv; die Reaktionen reichten von bloßem ungläubigem Staunen über „Du machst Witze, oder?“ bis hin zu „Ach Du Scheiße!“

Der Grund für die eher versteckte Freude liegt auf der Hand: Gazi ist seit Jahr und Tag Hauptsponsor des ehemaligen Lokalrivalen, der Stuttgarter Kickers; selbst deren Heimstatt, in dem die Reserve des VfB seit dem vergangenen Jahr aufgrund der DFB-Auflagen für die Dritte Liga ebenfalls ihre Heimspiele bestreitet, trägt den Namen „GAZi-Stadion“, die zugehörige Stadtbahnhaltestelle ebenso. Irgendwie passt das nicht, hat man den Eindruck.

Dabei sind die Kickers sind aus meiner Sicht tatsächlich nur noch, wie oben geschrieben, der _ehemalige_ Lokalrivale, dem man zuletzt Anfang der 90er Jahre auf Augenhöhe begegnete, als die Blauen ihre letzte von bislang zwei Bundesligasaisons bestritten. Einige Jahre zuvor, im Sommer 1987, hatte man gar im Finale des DFB-Pokals gestanden, doch ein früher Treffer von Dirk Kurtenbach reichte nicht – Manfred Kaltz‘ Bananen taugten nicht nur als Flanken, sondern ließen sich auch recht billig um die Kickersmauer herumdrehen.* 1988/89 traf man dann erstmals in der Bundesliga auf den VfB, und ich hatte das Vergnügen, aus der Provinz in die große Stadt zu reisen, um beim 4:0 des VfB Asgeir Sigurvinsson huldigen zu dürfen. Doch das ist lange her, die Kickers haben danach stürmische Zeiten erlebt, über die es an anderer Stelle deutlich mehr und Kompetenteres zu lesen gibt. Heute nehme ich sie eher als kleinen Bruder Cousin des VfB wahr, der zuletzt noch ab und zu mit der Reserve der Roten raufen durfte, bis es auch dafür nicht mehr reichte.

Doch zurück zu Gazi. Für einen Teil der VfB-Anhänger stellt Firmenchef Garcia ein blaues Tuch dar, wie auch in dieser Umfrage der Stuttgarter Zeitung deutlich wird. Während die einen vor allem die Nähe zu den Kickers stört, sind die anderen ob der Wahl (hatte man denn noch eine?) eines nicht weit über die Stadtgrenze hinaus bekannten mittelständischen Unternehmens als Hauptsponsors entsetzt, die nicht so recht mit den eigenen Ansprüchen einher gehe.

Ich gebe zu, auch ich hege Sympathien für einen Daimler-Schriftzug im Brustring, oder Porsche, Bosch, you name it. Letztlich zählen aber die Namen auf der Rückseite der Trikots, und wenn Gazi gemeinsam mit dem nicht scheidenden ehemaligen Hauptsponsor EnBW und dem neuen Premiumpartner Fischer Dübel dafür sorgt, dass dort die richtigen stehen, kann ich gut damit leben. Andere offensichtlich auch.

Überhaupt denke ich, dass die Anhänger der Roten, wenn man nochmals auf die innerstädtische Komponente zurückkommt, das längere Ende des Seils in der Hand halten. Gazi ist jetzt halt der neue Hauptsponsor. Punkt. Er hat eine blaue Vergangenheit, nach eigenen Angaben auch eine ebensolche Gegenwart und Zukunft. Er wird zwei, drei oder auch viele Jahre die VfB-Trikots schmücken, und irgendwann wird da wieder ein anderer Name stehen. Vielleicht ein besserer, mondänerer, lukrativerer, vielleicht auch nicht. Als Anhänger der Blauen wäre meine Sorge vermutlich ungleich größer. In der Regionalliga dürfte die Schlange potenzieller Sponsoren noch ein Stückchen kürzer sein, und wenn der eigene Hauptsponsor nun bei den Großen mitspielen will, kann ich mir schon vorstellen, dass bei Fans und Verantwortlichen die eine oder andere Sorgenfalte entsteht.

Was mir allerdings wirklich Sorgen macht, ist Dr. Eduardo Garcias Nähe zu Christoph Daum. Herr Heldt, bitte verlängern sie rasch den Vertrag mit Herrn Gross!

* Mir war nicht mehr bewusst, dass Happel damals die später von Magath kultivierte Frisur trug, vgl. ca. 2:50.

Rückrunde!

In den vergangenen Jahren war es ja gerne mal so, dass man trotz großartig besetzter Hallenturniere, hochklassiger Freundschaftsspiele in Belek und einem wunderbaren Potpourri an Wechselgerüchten, das man nur unter großen Mühen in die eigens erstellte Excel-Tabelle einpflegen konnte, irgendwann ein erleichtertes „Endlich!“ ausstieß, wenn das Ende der Winterpause nahte.

Dieses Jahr bin ich noch nicht mal zum Erstellen des Spreadsheets gekommen, und schon steht das heutige Aufwärmspiel zur Rückrunde vor der Tür. Wahrscheinlich hätte ich den Auftakt sogar vergessen, wenn mir nicht kurzfristig Ehre, Freude und Vergnügen zuteil geworden wären, an @dogfoods kollaborativer Rückrundenvorschau bei allesaussersport mitzuwirken.

Gemeinsam mit einigen geschätzten Bloggern und auch Nicht-Bloggern, die bei dogfood im einzelnen genannt werden, durfte ich zu einem recht umfangreichen Dokument beitragen, das ebendort in gut verdaubaren Häppchen präsentiert wird und in dem die Perspektiven jedes einzelnen Bundesligisten für die Rückrunde auf Basis von dogfood formulierter Fragen andiskutiert werden.

Die Einschätzungen zum VfB, auf die ich erwartungsgemäß mein Haupt- (wenn auch nicht einziges) Augenmerk richtete, finden sich sowohl drüben bei dogfood als auch hier. Alles weitere steht bei allesaussersport und auszugsweise in den beteiligten Blogs.

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VfB StuttgartDie Hinrunde sah nicht nur eine Entlassung von Markus Babbel, sondern auch Veränderungen in der Machtbalance. Horst Heldt wird auf einmal für seine im Sommer gefeierte Einkaufspolitik zum Problem gemacht und konnte sich bei Babbels Entlassung nicht gegen Hundt durchsetzen. Aufsichtsratschef Hundt hat durch sein Festhalten an Babbel die Leidenszeit verlängert und nun ist mit Christian Gross nicht nur ein autoritärer sondern auch machtbewusster Trainer gekommen. Ist das jetzt schon alles ausgestanden oder wird sich da noch etwas tun?

heinzkamke: In der Tat wurde Heldt im Sommer allenthalben gefeiert – zum einen, weil er Hleb geholt hat, zum anderen, weil er sich nicht von Huntelaar auf der Nase herum tanzen ließ. (Wobei diejenigen, die über Letzteres jubelten, nicht unbedingt leiser gejubelt hätten, wenn die Verpflichtung von Huntelaar gelungen wäre, aber das nur am Rande.)
Auch in den Vorjahren war durchaus Kritik an Heldts Einkaufspolitik laut geworden, insbesondere mit Blick auf die Verpflichtungen unmittelbar nach der Meisterschaft 2007: Bastürk, Gledson, Schäfer, Marica, Ewerthon. Vor der laufenden Saison hatten viele eine Nachbesserung auf der Schwachstelle links hinten erwartet, und der gesuchte torgefährliche Mittelfeldspieler wurde auch nicht verpflichtet.

Will sagen: die Kritik an Heldt kam nicht plötzlich, sondern war eine Folge der letzten Jahre. Manch einer hatte sich vor bzw. bei Babbels Entlassung gewünscht, dass Horst Heldt auch gehen müsse, anstatt erneut einen Trainer seiner Wahl installieren zu dürfen. Nun ist also Christian Gross da, und bis dato hat man wenig über das Verhältnis zwischen dem Vorstandsmitglied Sport und dem Trainer gehört. Bisweilen hört man die Meinung, Gross sei stark genug, um Heldts Kompetenzen im sportlichen Bereich zunehmend zu beschneiden und in eine Managerrolle englischer Prägung hineinzuwachsen. Wenn dann der HSV noch einmal bei Heldt anriefe…

VfB Stuttgart – Wo sind die Probleme des VfBs zu suchen? Liegt es an der Einkaufspolitik von Heldt oder an dem verunsicherten Trainer Babbel, dass die Mannschaft keine Struktur, keine Achse zu haben scheint?

heinzkamke: Die angesprochene Achse wäre im Grunde mit Lehmann – Delpierre/Tasci – Khedira/Kuzmanovic – Stürmer X vorgegeben. Im Grunde. Tatsächlich aber schwankt Tasci in seinen Leistungen und wurde dann auch noch in der Kapitänsfrage brüskiert, war die Systemfrage im Mittelfeld lange ungeklärt (möglicherweise ist sie es noch?), wurde Hleb wieder – wie schon vor seinem Ausflug in die große weite Fußballwelt – auf die 10 gehievt, und war man im Sturm nicht ansatzweise in der Lage, den Abgang von Mario Gomez zu kompensieren.

An der Defensivarbeit soll Gross intensiv gearbeitet haben, sodass die Innenverteidigung Stabilität gewinnen könnte, und im Mittelfeld ist man zumindest defensiv hervorragend besetzt. Die zentrale Frage wird weiterhin lauten, ob man in der Lage ist, sowohl aus dem Mittelfeld heraus als auch im Sturm mehr Torgefahr zu entwickeln.
Ob dieses Problem in erster Linie mit Struktur und vielleicht auch Selbstvertrauen der Mannschaft zu tun hat, oder ob man letztlich einfach die falschen Leute hat, kann man vielfältig diskutieren.

dogfood: Ein Name der bei deiner Achse fehlt, ist Hitzlsperger. Hat theoretisch jene internationale Erfahrung um sich innerhalb der Mannschaft ein Standing zu erarbeiten, aber die Hinrunde war für ihn eine Seuchensaison – auf dem Platz und außerhalb des Platzes von Babbel demoralisiert und demontiert, nicht zuletzt durch die Wegnahme der Kapitänsbinde. Ist nicht nur Lehmann in Stuttgart ein Auslaufmodell, sondern auch „The Hammer„?

heinzkamke: Meines Erachtens wird sich Hitzlsperger sehr schwer tun, im WM-Kader zu bleiben, weil er auch in der Rückrunde beim VfB einen schweren Stand hat. Ich wäre nicht gänzlich überrascht, wenn sich da auf dem Transfermarkt noch etwas täte.
Kürzlich wurde Christian Gross von der Stuttgarter Zeitung auch zu Hitzlsperger befragt:

StZ: Fragt sich nur, wo er spielen soll. Im zentralen Mittelfeld scheinen Zdravko Kuzmanovic und Sami Khedira gesetzt.
Gross: Und Christian Träsch haben wir auch noch. Er ist unheimlich wertvoll.
StZ: Für Hitzlsperger könnte es also eng werden.
Gross: Jeder bringt sich so ein, wie er will und wie er kann. Ich bin mit offenen Augen bei jedem Training dabei und versuche, mich bei der Aufstellung richtig zu entscheiden.

Wenn ich im Kaffeesatz lesen müsste, würde ich daraus eher keine Stammplatzgarantie für Hitzlsperger ableiten.

kurtspaeter: Ich gehe jede Wette ein, dass Hitzlsperger im WM-Kader steht, ob er in Stuttgart vornewegmarschiert oder nur noch die Pilonen beim Training aufstellen darf. Aber das wäre jetzt eine Diskussion über Löw und nicht über den VfB.

VfB Stuttgart – Der VfB hat bereits einen großen Kader, aber es ist von zahlreichen Neuverpflichtungen die Rede. Wo muss derart nachgebessert werden, dass man es mit dem bereits vorhandenen Kader nicht kompensieren kann?

heinzkamke: Im Wesentlichen sind fünf Problembereiche auszumachen:

  • Im Tor steht die Nachfolgeregelung von Jens Lehmann ins Haus. Ob Ulreich und Stolz die nötige Klasse haben, wird kontrovers diskutiert.
  • Links hinten ist man für die Rückrunde zumindest aktiv geworden, hat Cristian Molinaro ausgeliehen und sich anders als bei Lahm und leider auch Niedermeier (nein, der ist kein Linksverteidiger) immerhin ein Vorkaufsrecht für den Sommer sichern können.
  • In der DefensivAbwehrzentrale ist nicht abzusehen, wie es mit Tasci weitergeht. Einerseits bleibt abzuwarten, ob er seine Leistungen wieder stabilisiert, andererseits war er emotional vermutlich schon einmal stärker an den Verein gebunden als derzeit. Niedermeier ist nach wie vor nur ausgeliehen, und Boulahrouz hat sich nur selten von seiner Schokoladenseite gezeigt. Kurzfristig ist man hier zwar versorgt; zur neuen Saison ergeben sich aber viele Fragezeichen.
  • Im offensiven Mittelfeld hat man bis zum Sommer Hleb sowie Gebhart und Rudy, d.h. drei Spieler, die bisher alle nicht sonderlich torgefährlich waren. Nicht von ungefähr wollte man schon vor der Saison Milan Jovanovic und diskutiert jetzt über dynamische Spieler für die Außenpositionen (Christian Gentner sieht sich vermutlich eher nicht dort, ob Ashkan Dejagah passen würde, weiß ich nicht). Bastürk und Simak sowie Elson dürfen gehen, Hilbert und Lanig dürften ggf. auch als entbehrlich gelten.
  • Der Sturm spielt in der Rückrunde vermutlich auf Bewährung und muss sich gegenüber der Vorrunde gewaltig steigern.

medispolis: Weil ja heute mit Fromlowitz von 96 die erste „Sau“ durch die Presselandschaft gejagt wird bezüglich Nachfolge von Lehmann. Gibt es irgendeinen Favoriten bei den VfB-Fans? Vorzugsweise ein junger, eher unbekannter Torwart oder sollte es schon eine größere Hausnummer mit der nötigen internationalen Erfahrung sein? (Gut, hängt vielleicht auch vom Saisonverlauf ab).

heinzkamke: Im Moment habe ich das Gefühl, dass die Fraktion derer, die in schöner Stuttgarter Tradition („Junge Wilde“) gerne auf einen eigenen Nachwuchstorwart setzen würden, deutlicher vernehmbar ist – eine Sichtweise, die vermutlich auch mir leichter fiele, wenn ich die erste Ulreich-Phase nicht mehr so deutlich in Erinnerung hätte. Wobei man einem 19-Jährigen, zumal in der damaligen Situation, einen Mangel an Souveränität nur sehr bedingt zum Vorwurf machen kann.
Sofern man sich entscheidet, eine neue Nr. 1 (und nicht nur einen erfahrenen Ersatztorwart) zu verpflichten, würde Timo Hildebrand vermutlich auf recht viel Gegenliebe stoßen. Ich persönlich hielte den von medispolis angesprochenen Fromlowitz für eine gute Lösung, wobei dann sicher recht laut zum Ausdruck gebracht würde, dass „der doch auch nicht besser“ sei als Ulreich und Stolz.

Enno: Was ist den mit Drobny? Der wird doch auch schon seit Wochen für das Stuttgarter Tor gehandelt? Er käme ablösefrei und war in der vergangenen Saison einer der besten Keeper der Liga.

heinzkamke: Ganz ehrlich: ich kann Drobny nicht einschätzen. Seine Leistungen schon, so halbwegs, aber in Stuttgart ist man ein wenig vorsichtig geworden, nachdem Raphael Schäfer vor und nach seiner Zeit großartig hielt, hier aber nie zurecht kam. Zumindest diese Gefahr dürfte bei Hildebrand geringer sein. (Gilt natürlich analog für Fromlowitz, den ich indes gerade in der Zeit von Enkes Verletzung als guten Teamplayer empfunden habe)

Mach es zu Deinem Projekt!

Leider hatte ich in der laufenden Woche nicht sehr viel Zeit, mich ausführlich mit den Geschehnissen rund um das Neckarstadion zu befassen. Immerhin gab mir die eine oder andere Fahrt in der Stadtbahn die Gelegenheit, die Berichterstattung in den hiesigen Printmedien zu verfolgen, und ich muss sagen: die Stuttgarter Zeitung hält nichts von halben Sachen. Sie hat die Entlassung von Markus Babbel zu ihrem Projekt gemacht, ohne Wenn und Aber.

Bereits am Montag war alles klar:

„Heute soll die Entlassung des Teamchefs verkündet werden.
[…] sondierte Heldt nicht erst seit gestern den Trainermarkt – und er ist fündig geworden. Die Entscheidung fällt zwischen zwei Kandidaten […]“

Am Dienstag war man noch immer guter Dinge:

„Aber die Tendenz hat sich verfestigt – Babbel muss gehen, wohl heute.“

Tags darauf wurde die Vereinsführung gerügt, die sich nicht an die Vorgaben der Presse gehalten hatte:

„Damit es in dieser turbulenten Woche beim VfB Stuttgart nicht in Vergessenheit gerät: der Tabellenvorletzte der Fußball-Bundesliga hat am Sonntag 0:4 verloren und ein desolates Bild abgegeben. In Leverkusen sind alle Kriterien erfüllt worden, die eine Entlassung von Markus Babbel gerechtfertigt hätten. […]
Dennoch hält die Vereinsführung an Markus Babbel fest. Das ist ein Fehler. […]
Der VfB braucht schnelle Hilfe, und die hätte nur ein Trainerwechsel in Aussicht gestellt.“

Am Donnerstag appellierte man dann an das Verantwortungsgefühl der „VfB-Bosse“:

„Verdammt groß ist jedenfalls nach den jüngsten Ereignissen die Chance, dass am Ende der Saison die ganze Fußballwelt […] sagen wird: So still und sympathisch ist noch kein Club abgestiegen. […]
Diese Sympathie als Maß aller Dinge ist riskant, […] ‚denn wenn es auf die Beliebtheit ankommen würde, säßen Donald Duck und die Muppets längst im Senat‘. Babbel ist immer noch VfB-Trainer. […] gescheit hat darüber schon Laotse im alten China philosophiert: ‚Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut.'“

Eines ist demnach klar:
Die Stuttgarter Zeitung stellt sich ihrer Verantwortung für den VfB.

Etwas anders sieht das Herr W., der einen gar vergnüglichen Leserbrief an die StZ verfasste:

„Tja, liebe Stuttgarter Zeitung, damit es in dieser turbulenten Woche nicht in Vergessenheit gerät: Ihr habt am Montag die Entlassung von Babbel bereits als feststehend verbreitet. Das war wohl nichts. Und da hilft es auch nicht, wenn sich jetzt der Sportchef persönlich in die Bresche wirft und wortreich erklärt, wer alles den Fehler begangen hat, nicht das zu tun, was die StZ angekündigt hat. Peinlich, peinlich. Natürlich gibt es gute Argumente für eine Entlassung Babbels, aber hier handelt es sich doch nur um den schlecht kaschierten Versuch, von eigenem Versagen abzulenken. Ente bleibt Ente.“

Möglicherweise ist es gewagt, diesen Leserbrief hier ungekürzt wiederzugeben, zumal ich nicht einmal weiß, wer mich abmahnen könnte: die Zeitung (vor der ich für den Abdruck des Leserbriefes den Hut ziehe) oder Herr W., oder gar beide? Ich wage jedenfalls zu hoffen, dass sich sowohl der Autor des Briefes als auch die Zeitung, so sie sich denn hierher verirrten, zunächst freundlich an mich wenden würden, wenn ihnen das ausführliche Zitat missfiele.

Überlastungsreaktionen

Sind wir nicht alle ein bisschen überlastet? Ganz besonders überlastet sind derzeit sicherlich Sami Khedira und nun auch Serdar Tasci, die aktuell die Google-Top 10 für Überlastungsreaktion Fuß unter sich ausmachen. Die Mitspieler scheinen auch in der einen oder anderen Form überlastet, zumindest aber teilweise überfordert zu sein, und auch Horst Heldts sonntägliches Telefonat mit Jörg Wontorra lässt zumindest auf eine hohe Belastung schließen.

Markus Babbel, der als einziger Angst um seinen Job haben muss, scheint indes relativ gut mit der Last umgehen zu können. Zwar ist es sicherlich belastend, ständig ans Limit zu gehen – gerade am Mittwoch haben ihm die Spieler jedoch einen der kritischeren Punkte der vergangenen Wochen sehr leicht gemacht, wie Babbel selbst feststellte:

„Mit den Einwechslungen war es nicht schwer, Treffer zu landen.“

Mir selbst ist es gelungen, die Belastung beim Spiel in Sevilla durch einen geschickten Schachzug in Grenzen zu halten: ich habe nur die zweite Halbzeit gesehen. So blieb mir die allem Anschein nach furchtbare erste Hälfte erspart, und es fällt mir vergleichsweise leicht, eine positive Haltung einzunehmen und auf weitere Besserung zu hoffen. Auch wenn ich weiß, dass die guten Noten der Stuttgarter Nachrichten für Rudy und Celozzi ein wenig hoch gegriffen sind, ungeachtet des Rückgangs von Motivation und Spielerzahl auf Seiten der Andalusier, und im vollen Bewusstsein, dass auch in den nächsten Wochen kein echter Knipser auf dem Platz stehen dürfte, wird mein Gefühl zusehends besser.

Das hat mit Markus Babbel zu tun, der der Schönfärberei abgeschworen zu haben scheint und am Mittwoch endlich einmal Zeichen gesetzt hat mit seinen Einwechslungen; es hat aber auch mit den Spielern zu tun, die sich dann doch noch gewehrt haben, mit Leuten wie Kuzmanovic, Schieber oder Rudy, und es hat wohl auch schlichtweg damit zu tun, dass ich einfach ein Fan bin, einer, der immer an die Wende zum Besseren glaubt.

Und wenn dann irgendwann Khedira und Tasci auch nicht mehr überlastet sind….