Infallibilitas arbitri*

Wir stellen uns das ja schon ziemlich einfach vor, ne?

“Felix, der war nicht drin”, sagt der eine.
“Ok, Stefan, dann halt nicht”, antwortet der andere, und gut is.

Dabei übersehen wir die wahren Klippen. Die nicht darin bestehen, dass man Angst hat, Mannschaftskeile zu bekommen, weil man die Prämie hergeschenkt hat, oder auch in irgendwelchen formalen oder karrierewunschbedingten Hürden, die einen davon abhalten, die getroffene Entscheidung zu revidieren.

Nein, lassen Sie es sich von jemandem sagen, der eigene Phantomtorschützenerfahrung gesammelt hat: das Problem ist die Infallibilität. Oder war es, damals, Mitte der Achtziger.

Ich spielte mein erstes Jahr in der B-Jugend und dort eine ganz gute Rolle, und wie es dann halt so ist in der Provinz, wo die Kader eng und die Wege weit sind, durfte ich des Öfteren Doppelspieltage einlegen, samstags in der B-, sonntags in der A-Jugend – wobei “durfte” meine Sichtweise war, die beiden Trainer sahen eher ein “musste”: der eine, weil er aus welchen Gründen auch immer meinte, mich oben zu brauchen, der andere, wohl der Vernünftigste von uns dreien, weil er fand, dass es mir auf Dauer nicht gut tun könne, und dass es zunächst reiche, samstags zu spielen.

Was dann mitunter zu der von außen betrachtet amüsanten Konstellation führte, dass der Samstagstrainer entschied, am Sonntag nicht mich (und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, den einen oder anderen Mitspieler), sondern ohne weitere Abstimmung einen oder mehrere Mannschaftskollegen zum Treffpunkt der A-Jugend zu schicken, die nicht zwingend die gleichen Positionen besetzen konnten. Was wiederum mich nicht in jedem einzelnen Fall davon abhielt, sonntags dennoch mit gepackter Kicktasche … ach, lassen wir das, zu spät für Geständnisse, und der B-Jugendtrainer liest eh nicht mit.

Genug des Vorgeplänkels. Wochentags war das Ganze unproblematisch, und so fieberte ich dem mittwöchlichen Kräftemessen mit der A-Jugend aus dem Nachbarort entgegen, genauer gesagt mit dem Nachbarort des Nachbarorts, da ja die A-Jugend selbst schon im Nachbarort kickte, im Rahmen einer Spielgemeinschaft. Sie wissen, was ich meine, nicht wahr? Im Übrigen waren sie auch Tabellennachbarn.

Das Spiel, ein Prestigeduell, sozusagen, begann denkbar schlecht, wir gerieten nach wenigen Minuten in Rückstand, fingen uns dann aber und erspielten uns eine deutliche Überlegenheit, die sich jedoch nicht in Toren ausdrückte. Nach einer guten halben Stunde wehrte der gegnerische Torwart einen Ball zur Seite ab, ich hatte aufgepasst und schoss aus ziemlich spitzem Winkel nach. Der Ball bewegte sich nahezu parallel zur Tor(aus)linie in Richtung des langen Pfostens und hätte diesen nach meinem Dafürhalten wohl auch getroffen.

Ob er von dort den Weg ins Tor gefunden hätte, werden wir nie erfahren, alldieweil** der gegnerische Libero (sic!) dem Treiben ein Ende bereitete und das Leder (sic!) aus der Gefahrenzone schlug. So weit, so gut. Wenn man davon absieht, dass der Schiedsrichter auf Tor entschied.

Der Gegner konnte es nicht glauben, wir auch nicht, ich begann, über einen Wahrnehmungsfehler meinerseits zu sinnieren, der gegnerische Libero erhöhte die Intensität seiner Proteste, was dem Schiedsrichter als Indiz für deren mögliche Berechtigung gelten hätte können, ich ließ mich von den Mitspielern feiern, die ersten Gegner frugen mich, eigene Wahrnehmungsfehler in Betracht ziehend, ob er wirklich drin gewesen sei, die Mitspieler stimmten ein, der Libero redete auf den Schiedsrichter ein, während dieser ostentativ den Ball auf den Anstoßpunkt legte.

Für mich war – nach Rücksprache mit dem Kapitän – der Punkt gekommen, der Wahrhaftigkeit Genüge zu tun und den Schiedsrichter auf seinen Irrtum hinzuweisen, was sich ungefähr folgendermaßen gestaltete:

“Herr Schiedsrichter, ich glaube, der Ball war nicht drin.”
“Ich schon”
“Nein, Herr Schiedsrichter, ich bin mir sicher, dass er nicht drin war.”
“Unsinn, der war drin.”
“Aber ich war doch viel näher dran als Sie, ich hab’s genau gesehen.”
“Wenn Du jetzt nicht aufhörst, gibt’s gelb. Hier entscheide immer noch ich.”
“Aber …”

Der Libero konnte nicht so recht glauben, was er da hörte, wurde noch ein wenig vehementer und flog vom Platz.

Unmittelbar nach der Pause gelang mir das, was man gerne mal einen Sonntagsschuss nennt (“am Mittwoch”, wie Fernsehreporter in jenen Tagen gerne mal hinzufügten, wenn es sich anbot, und es bot sich häufig an, samstags, damals, als Sonntagsspiele und damit Sonntagsschüsse den Amateuren und einzelnen Zweitligaspielen vorbehalten waren), möglicherweise der sonnigste Sonntagsschuss meiner gesamten aktiven Fußballzeit, aus 25 Metern, Pfosten und Latte berührend und diesmal auch unzweifelhaft die Torlinie überquerend. 2:1.

Mit einem dezimierten und irgendwie auch desillusionierten Gegner gestaltete sich die zweite Halbzeit eher einseitig, wir gewannen 6:1, und wenn ich es nicht schon vorher gewusst hatte, so war mir doch spätestens jetzt eines klar:
der Schiedsrichter hat immer recht.

* Korrekturen sind willkommen und erwünscht.
Mein Latinum hat ein paar Jahre auf dem Buckel.

** Auszug aus einem privaten Twitteraustausch nach Veröffentlichung des vorliegenden Textes:

Er: “… es geziemt sich nicht, alldieweil kausal einzusetzen.”
Ich: “Ich weiß. Deshalb tat ich es. Einfach, weil ich Lust dazu hatte. Ernsthaft. Aber danke.”
Er: “Dein Humor im vorsätzlich falschen Einsatz bildungsprahlerischer Vokabeln lässt mich ratlos zurück.”
Ich: “Ich finde alldieweil ja alles andere als bildungsprahlerisch. Oder falls doch, dann kontraproduktiv.”

Zugegeben: Mich lassen meine Launen manchmal auch ratlos zurück.

♫ Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise ♫

Als ich erstmals Kapitän wurde, war Sascha Hehn noch nicht mal Steward. Es war in der D-Jugend – eine E-Jugend, in der ich eigentlich hätte spielen sollen, hatten wir nicht. Dass ich dennoch zum Spielführer (Kapitän sagte bei uns niemand, vielleicht war das Meer zu weit entfernt) gewählt wurde, war zum einen die Folge einiger Zufälle, zum anderen Grund genug, beim vermeintlich designierten Kapitän, unserem Torwart und Mannschaftsältesten, für ein wenig Verdruss zu sorgen. Dabei hätte ich die Binde gar nicht gebraucht, sondern hätte in jedem Fall Verantwortung blablabla. Quatsch. Natürlich war ich stolz wie Oskar. Zumal ja auch der literarische Heini Kamke wenige Wochen zuvor erstmals als Kapitän aufgetreten war. Aus meiner subjektiven Lesersicht.

Also staubte ich eine abgelegte Spielführerbinde meines Vaters ab, bat Mama darum, sie passend zu machen, und ließ mich in ein paar Geheimnisse einweihen. “Immer links tragen!”, zum Beispiel, und was man da so rufen musste, vor und nach dem Spiel. Bei den Elf Freunden hatte ich gelernt, dass der Spielführer auch gerne mal die Vorgaben des Trainers eigenmächtig über den Haufen warf, aber so weit schienen meine Pflichten in den 80er Jahren nicht mehr zu gehen.

Im Lauf der Jahre durfte ich immer mal wieder, vermutlich liegt die Wahrheit näher bei immer als bei mal oder wieder, die Binde tragen – in der B-Jugend war es eine leuchtend gelbe, vermutlich stand elho drauf. Natürlich hätte ich auch ohne sie Verantwortung blablabla. Sascha Hehn war zu jener Zeit bestenfalls Freizeitkapitän, der im Golf Cabrio leider nicht mit Schwester Christa, sondern doch nur mit Anja Kruse (was heißt hier nur?!) oder Ilona Grübel zum Segeln fuhr, strebte aber parallel eine Karriere als erster Offizier an.

Beim Erwachsenenfußball ergab sich, wiederum eher zufällig, recht bald die Situation, dass einige “gestandene” Spieler aus verschiedensten Gründen nicht mehr zum Einsatz kamen und ich plötzlich die Binde am Arm trug. Zu jener Zeit aber begab es sich, dass der Trainer, wie mir im Vertrauen zugetragen wurde, während des Spiels einige schwächere Aktionen meinerseits (und das waren sie, keine Frage!) in einen direkten Zusammenhang mit der Armbürde brachte – woraufhin ich sie vor dem nächsten Spiel ohne Angabe von Gründen und, klar, schweren Herzens abgab. Revoluzzer, der ich war. Dabei hätte ich selbstverständlich auch ohne die Binde Verantwortung blablabla. Sascha Hehn befand sich inmitten einer Umschulung zum Gynäkologen, und meine Leistungen wurden auch ohne zur Schau getragene Sonderrolle nicht besser.

Ein halbes Fußballerleben später, irgendwie war ich wieder an die Binde gekommen, war ich berufsbedingt selten vor Ort und reiste in der Regel nur zu den Spielen an, was sich auch zur nächsten Saison fortzusetzen schien. So wurde dann in meiner Abwesenheit der Spielführer gewählt: zu meiner größten Verblüffung wurde es ein anderer. Pfft. Ok, im Ernst: Natürlich musste das so sein, war richtig und, nun ja, alternativlos. Und doch spürte ich, selbst in diesem eindeutigen Fall, irgendwo ein ganz leichtes Ziehen, einem zumachenden Muskel nicht unähnlich. Ungeachtet des Umstands, dass ich selbstredend auch ohne Binde Verantwortung blablabla.

Martin Harnik war, anders als der jüngst beförderte Sascha Hehn, gar kein Kapitän. Er war nur Mitglied des Stuttgarter Mannschaftsrates. Nun heißt es, die Mitspieler hätten ihn nicht wiedergewählt. Ich bedauere das. Nicht weil ich das Gremium für wichtig halten würde, zumal ich weiß, dass Harnik auch ohne Amt Verantwortung blablabla. Dass er in Interviews kluge Dinge sagen, sich nur selten hinter Allgemeinplätzen verstecken, Problembereiche als solche erkennen und gegebenenfalls benennen wird.

Dennoch: so ein klein wenig habe ich doch Sorge, dass er sich zurückgesetzt fühlen könnte. Sich in einer Zeit, in der es für ihn sportlich eher mittelprächtig läuft, vielleicht in seiner ersten wirklich schwierigen Phase in Stuttgart, nach unten ziehen lässt. Nachdem nicht zuletzt er zu denjenigen gehört haben soll, die im Herbst eine von der Mannschaft herbeigeführte Trendwende abseits des Platzes zumindest initiiert haben.

Ich bin überzeugt, dass die Sorge grundlos ist. Eigentlich. Zumal er selbst sich schon klar geäußert haben soll. Schreibt zumindest die große Zeitung, die wir alle kennen, aber aus guten Gründen nicht zitieren wollen. (Dass ich es in diesem Fall indirekt doch tue, liegt daran, dass ich @jens_nagler bei Twitter als verlässliche Quelle kennengelernt habe.)

Dennoch ist sie da, diese Sorge. Als ganz leichtes Ziehen, einem zumachenden Muskel nicht unähnlich.

(Und dann denke ich etwas grundsätzlicher über den Verein nach und habe Bilder von Zerrungen über Faser- und Bündel- bis hin zu Muskelrissen vor Augen. Aber das nur am Rande.)

Farbverwirrung

Das Spiel lief seit wenigen Minuten. Die beiden kamen zur Tür herein, der Nachbartisch sprang kollektiv auf, ohne jedoch die erwarteten Begrüßungsrituale ausführlich zelebrieren zu können – man hatte sie mit einem kurzen “Du kommst gerade rechtzeitig, um einen unsinnigen Elfmeter zu sehen” sogleich in medias res geholt.

Natürlich ist der geneigten Leserin, und insbesondere ihr, sofort die Inkongruenz der Pronomina aufgefallen, aber das soll jetzt nicht unser Thema sein. Der Herr, dem der durch keinerlei Hintergrundwissen belastete Kneipengänger unterstellen würde, sich als Edelfan zu verstehen, ließ also die Begrüßungsszenen Begrüßungsszenen sein und setzte sich rasch hin, um besagten Elfmeter nicht zu verpassen.

Nando Rafael lief an und schoss in die linke untere Ecke, Sven Ulreich streckte sich vergebens, und der Neuankömmling setzte zur Jubelsäge an. Ich gebe zu, zunächst ein wenig irritiert gewesen zu sein. Weniger ob des Umstands, dass sich ein Anhänger der Augsburger in die Fußballkneipe meines Vertrauens verirrt hatte, den ich noch dazu aufgrund seines Idioms der Brustringfraktion zugerechnet hatte, sondern vielmehr darüber, dass er dies auch so offen zur Schau trug.

Gerade wollte ich mit meinem Nebensitzer einen tadelnden Blick wechseln, hatte selbigen, ohne Tadel, aber noch nicht von besagtem Herrn abgewandt, der den Jubel, an seine Mitsitzer gewandt, nun auch noch verbal unterlegte:

“Cacau!”

Ah, ja. Und plötzlich musste ich an jenen Amateurfußballer von damals denken, der einen neuen Mitspieler nach dessen sportlicher Herkunft fragte:

“Ach was, Du hast in Soundsohausen gespielt?”
“Ja, ich wohne auch noch da und schau mir deren Spiele an.”
“Dann grüß mal den Sokolov von mir.  Mit dem hab ich früher höherklassig gekickt, war ein guter Kumpel. Und ein klasse Fußballer.”
“Sokolov, genau. Ich habe jetzt aber den Namen meiner Frau angenommen.”

Der Blick zum Nebensitzer fiel dann weniger tadelnd aus als vielmehr belustigt den Kopf schüttelnd. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten, übrigens – Sven Ulreichs elfmeterreifes Foul hatte zuvor eine ähnliche Reaktion hervorgerufen, vielleicht etwas harscher. Noch unbeherrschter war eigentlich nur jenes Kopfschütteln gewesen, das der Gewissheit folgte, dass erneut Arthur Boka beginnen würde.

Immerhin: Zur Pause durfte er sich seiner, wenn ich Bruno Labbadia recht verstehe,  gegenwärtigen Kernkompetenz widmen, dem Videostudium, und Cristian Molinaro nahm seinen Platz ein – nicht ohne sich an einem Boka-Gedächtnisdribbling in den eigenen Strafraum hinein zu versuchen, aber eben auch mit einer großartigen Rettungstat und vor allem ohne das Gefühl beim Zuschauer, bei jedem Ballkontakt den Atem anhalten zu müssen. Ist zur Zeit leider so bei Boka, war aber, so viel Ehrlichkeit muss sein, auch schon ganz anders.

Irgendwie bezweifle ich, dass man sich an dieses Spiel allzu lange erinnern wird. Was sich, zumindest auf mich bezogen, schon wenige Stunden nach Abpfiff bestätigt. Ein Pflichtsieg, letztlich, was man jetzt, da es tatsächlich einer geworden ist, leicht sagen kann. Zwischendurch sah das auch mal anders aus. Wobei “zwischendurch” den Großteil des Spiels ausmachte, in unterschiedlichen Schattierungen von “anders”.

Harnik traf endlich wieder einmal, die Erleichterung war seinem Jubel anzusehen, Augsburg ließ den kurzen Pfosten frei, Hajnal machte das Spiel vereinzelt wunderbar schnell, später tat Ibisevic, was er am besten kann, der “japanische Philipp Lahm” (so Marco Hagemann) hatte gegen Bellinghausen und Ostrzolek phasenweise zu kämpfen, Bibiana Steinhaus lachte irritiert ob Molinaros Einwechselritual, und Cacau kam dann auch noch zum Einsatz.

Sieht Nando Rafael ja auch ganz schön ähnlich.

Ein stolzes eins zu acht zur Pause

Irgendwann war ich mal ein ganz passabler Fußballspieler. Nicht der Allerschnellste, aber läuferisch auf der Höhe, nicht übertrieben torgefährlich, aber mit einem ordentlichen Auge für den Mitspieler, nicht sonderlich zweikampfstark, aber taktisch ganz gut geschult, kein Dribbelkönig, aber mit dem Ball am Fuß doch ganz behänd.

Allerdings besteht ja manchmal die Schwierigkeit, den Ball erst einmal an den Fuß zu bekommen. Durch einen gewonnen Zweikampf (gelegentlich), geschicktes Stellungsspiel (schon eher), oder eben auf Zuspiel eines Mitspielers (relativ häufig, positionsbedingt).

Nun sind diese Zuspiele der Mitspieler ja häufig von unterschiedlicher Qualität. Der eine spielt stets wunderbar in den Fuß, der andere bewusst oder unbewusst immer in den nicht zwingend dorthin geplanten Lauf, und noch ein anderer spielt einen grundsätzlich irgendwo zwischen Hüft- und Brusthöhe und ein bis zwei Meter seitlich versetzt an, gerne scharf.

Wer dann, wie ich, kein Bewegungstalent vor dem Herrn ist und nicht recht weiß, wie er den Ball am besten verletzungs- und flipperfrei verarbeiten soll, kommt möglicherweise im Lauf der Zeit auf den Gedanken, solche Zuspiele konsequent direkt weiterzuleiten, anstatt sich an einer nicht ganz trivialen Ballannahme zu versuchen. Das Blamagerisiko ist wesentlich geringer (schließlich kann sowas schon mal daneben gehen, Hochgeschwindigkeitsfußball und so), und mit etwas Glück kann man sich einen Ruf als vorausschauender One-Touch-Footballer erarbeiten, weil die Abwehrspieler in den unteren Ligen ja tatsächlich nur bedingt damit rechnen.

Manchmal glaube ich, dass sich Martin Harnik meine Strategie abgeschaut hat. Häufig finde ich es auch richtig gut, dass er den halbhohen Ball direkt weiterleitet, gerne in den Lauf eines Mitspielers (oder auch seinen eigenen, wenn niemand ihn will oder Ibisevic drüberspringt). Manchmal würde ich mir indes wünschen, er nähme ihn einfach an, beruhige den in hoffnungsloser Unterzahl angegangenen Angriff und ermögliche einen geordneten Neuaufbau, gerade in Phasen, wie sie gegen Nürnberg mindestens 45 Minuten lang andauerte, in denen es nicht gelingt, das hohe Tempo des Gegners ein wenig herauszunehmen. (Und nein, ich spreche nicht davon, vom gegnerischen Strafraum aus über William Kvist den eigenen Torhüter mit ins Spiel einzubeziehen.) Aber wie gesagt: Ballkontrolle und Blamagerisiko liegen mitunter nahe beieinander.

Wäre es jetzt billig, darauf hinzuweisen, dass auch das Blamagerisiko eines Trainers recht hoch ist, der nach einer furchtbar schlechten Partie gegen einen an der Grenze zum Abstiegskampf wandelnden Gegner davon spricht, wie stolz er auf den Auftritt seiner Mannschaft sei? Einer Mannschaft, die mit 1:8 Ecken in die Pause ging, die nach 3 Minuten zwei Großchancen nur mit viel Glück überstanden hatte, die diesem – zweifellos engagierten und auch gut spielenden – Gegner in fast (Sie wissen schon … das Toreschießen) allen Belangen unterlegen war, ohne den Anschein zu erwecken, sich dessen bewusst zu sein und es ändern zu wollen.

Warum muss diese Mannschaft bis zur 46. Minute warten, ehe der Trainer  die überfällige Änderung im Sturm vornimmt, bis zur 60. Minute, ehe er nominell etwas ändert, um die Offensive ein wenig zu stärken, und warum wartet sie noch immer auf die Auswechslung des völlig indisponierten Arthur Boka, der nicht nur gegen Timothy Chandler (zumindest weiß ich nun aus eigener Anschauung, weshalb der VfB sein Interesse an ihm bekundet hat) konsequent den kürzeren zog, sondern sich durch absurde Dribblings wiederholt selbst in Situationen brachte, in denen er seine Überforderung zur Schau stellen konnte.

Natürlich war die zweite Halbzeit besser, natürlich fand man zu einer gewissen Ordnung, zumal der Gast sein hohen Tempo unmöglich aufrecht erhalten konnte, und natürlich war das 1:0 ein wahrhaft schön herausgespielter Treffer. Ganz zu schweigen davon, dass Sven Ulreich eine Ecke an der Grenze des Fünfmeterraums herunterpflückte und dass 14 Ecken noch vor wenigen Wochen annähernd so viele Gegentore bedeutet hätten. Wenn das der Anspruch ist.

Was ich noch fragen wollte:

Warum darf Daniel Didavi keine Ecken und Freistöße schießen? (Ok, vermutlich weil die von Adam Hlousek auch nicht schlecht sind.)

War Herr Dingert schon immer so ein Wichtigtuer?

Welches Ansinnen ist stärker zu gewichten: das der einen Mannschaft, einen Spielerwechsel vorzunehmen, oder das der anderen, einen kurzzeitig unterbrochenen Konter mit einem raschen Einwurf fortzusetzen? Vermutlich ersteres, was ich für diskutabel halte.

Bernd "Cacau" Harnik, der Spielversteher

Bernd war kein schlechter Fußballer, fand ich, manche hielten ihn sogar für ziemlich gut. Seiner Grenzen war er sich indes sehr klar bewusst, seitdem ihn ein Trainer mal zur Seite genommen hatte: “Bernd”, hatte er gesagt, “Bernd, Du siehst einfach zu viel auf dem Fußballplatz.” Und damit meinte er nicht, dass Bernd sich auf Nebensächlichkeiten konzentriere, auf Zuschauer und vor allem Zuschauerinnen, oder gar auf Scouts aus höheren Ligen, nein, der Trainer meinte tatsächlich, dass Bernd zu viele Facetten des Spiels wahrnehme, zu viele frei stehende Mitspieler sehe oder gar gute Gelegenheiten zu einem Angriff erkenne.

Was unsereiner als fußballerische Tugend verstehen würde, sah jener Trainer als Problem. Nicht grundsätzlich, aber eben bei Bernd. Weil er, also Bernd, zwar häufig genau wusste, wohin und wie der Ball idealerweise gespielt werden sollte; weil ihm aber auch, und das war die Krux, häufig die Fertigkeiten im Umgang mit dem Ball fehlten, um die entsprechenden Pläne auch umzusetzen. So landeten die Pässe beim Gegner, galten als einfache Fehler – auch, weil so mancher Mitspieler und/oder Zuschauer das Potenzial des Passes, so er denn planmäßig angekommen wäre gar nicht erkannte – und mancher meinte, Bernd habe das Spiel “ja überhaupt nicht verstanden”.

Als ich am Samstag Martin Harnik zusah, dachte ich gelegentlich an Bernd. Genauer: ich dachte einmal an Bernd und wurde den Gedanken danach nicht mehr los. Kennt man ja von Béla Réthy und Steffen Simon, um, ähem,  zwei exemplarische Beispiele zu nennen, dieses Phänomen, dass irgendwie alles in das vorgefasste Bild passt.

Wie auch immer, und um endlich zum Punkt zu kommen: in einigen Szenen hatte Martin Harnik meines Erachtens hervorragende Ideen – wären seine Bälle angekommen, hätte der Mitspieler freie Bahn zum Tor oder zumindest alle Voraussetzungen für einen gelungenen (und überraschenden) Spielzug gehabt. Aber sie kamen eben nicht an. Ob es sich dabei wie bei Bernd um ein Symptom einer eher grundsätzlichen Problematik handelte, möchte ich an dieser Stelle offen lassen.

Explizit zähle ich zu jenen Szenen auch den Strafeckenverschnitt, der das Neckarstadion kollektiv aufstöhnen ließ: Reingeber Cacau machte noch alles richtig, Harnik stoppte den Ball eigentlich ganz gut, wenn auch nicht tot, aber das muss ja seit einigen Jahren nicht mehr sein, doch offensichtlich hatte die Absprache mit Gentner nicht funktioniert, der mit dieser Variante nicht gerechnet hatte und bereits am Ball vorbei gelaufen war. Hä? Kannitverstan? Ja, wer’s nicht gesehen hat, weiß wohl nicht, wovon ich rede. Wer’s gesehen hat, schüttelt möglicherweise noch heute ein wenig ungläubig den Kopf. Mir hat’s ja gefallen, so grundsätzlich. Hätte sowas Barceloneskes gehabt, wenn Harniks Plan aufgegangen wäre.

Ähm, wo war ich? Ach ja, beim Spielversteher Harnik. Was ihn übrigens nicht davon abhält, gelegentlich eher die Cacau-Variante zu wählen, deren Definition von den Worten “Kopf” und “Wand” dominiert wird.

Zudem war ich bei einer der Szenen, die nicht wenige Zuschauer im Kopf hatten, als sie Christian Gentner in der zweiten Halbzeit bis zu und bei seiner Auswechslung auspfiffen. Ganz ehrlich: das verstehe ich nicht. Ich glaube nicht, dass ich mich in den vergangenen Monaten als großer Gentner-Fan hervorgetan habe, ganz im Gegenteil: ich hielt die Verpflichtung von vornherein für ein Missverständnis, was mit Gentners Spielweise, seinen Stärken und Schwächen, mit der Personalsituation beim VfB sowie mit dem fußballerischen Konzept zu tun hatte, das damals Christian Gross verfolgte (was für Bruno Labbadia analog gilt). Am Samstag hatte Gentner ein paar fürchterliche Szenen. Drei-Meter-Pässe ins Aus, zum Beispiel (der Plural ist kein Versehen). Er hatte einige wenige sehr gute Szenen, der Rest war Durchschnitt. Er spielte auf der “10”, was schon in der letzten Saison keine gute Idee gewesen war, und musste sich dort auch noch gelegentlich von Taktikchef Cacau ein Stück nach hinten schicken lassen.

Kein guter Tag. Und doch hatte ich das Gefühl, ihm einen Aufwärtstrend bescheinigen zu können. Sein Engagement stimmte, wie immer, und daneben traute er sich in der Vorwärtsbewegung endlich einmal ein wenig mehr zu. Er ging in Offensivzweikämpfe, bremst nicht bei jedem Angriff ab und ließ sich dabei sogar auf das eine oder andere Laufduell ein. Dass er in der Halbzeit wegen einer Rückenverletzung anscheinend gespritzt werden musste und nach der Pause unter Schmerzen spielte: geschenkt, das wussten die Pfeifer nicht. Und doch frage ich mich, wieso ein Spieler, dem man vieles absprechen kann, aber gewiss nicht das Engagement und die Identifikation mit dem Verein, nach einem (ja, weiteren) durchwachsenen Spiel ausgepfiffen wird. Aber vielleicht sollte ich mir solche Fragen einfach nicht stellen.

Ach ja, da war ja noch ein Spiel. Selbstläufer, sozusagen. Wenn man davon absieht, dass bis zum 2:0 jederzeit mit dem Ausgleich zu rechnen war. Binsenweisheit, klar, aber wir kennen ja die berühmten Hannoveraner 10-Sekunden-Angriffe – vor allem, wenn Abdellaoue mit an Bord ist, man frage nur mal in Sevilla nach. So aber warf sich Ulreich Ya Konan verschiedentlich heldenhaft in den Weg, nachdem ihm in der ersten Halbzeit wieder einmal ein abgewehrter Ball nach vorne abgeprallt war. Glücklicherweise war auf Tasci nicht nur in dieser Szene Verlass. Überhaupt, Tasci: ich kann mich an keine Szene der noch jungen Saison erinnern, in der er ausgerutscht wäre. Kvist tut das verlässlich mindestens einmal pro Spiel, am Samstag waren es, wenn ich mich nicht irre, sogar zwei Situationen, und Maza rutschte diesmal zwar nicht aus, rechtfertigte aber mit einem kritischen Ballverlust den Ruf, dass er kein Rastelli und gerne mal im Spielaufbau für einen Bock gut sei. Aber dann ist ja der UlleUlleUlle da. Und der Serdar.

Kvist und Kuzmanovic hatten das Spiel im Mittelfeld jederzeit im Griff, wobei die Aufgabenverteilung deutlich klarer und auch zielführender war (oder umgesetzt wurde?) als in den Spielen zuvor. Kuzmanovic, der, wenn ich ihn recht verstanden habe, seine Freundin Verlobte im Mai nehmen wird, agierte deutlich weiter vorne, und auch wenn man sich in der einen oder anderen Szene eine etwas raschere Rückwärtsbewegung gewünscht hätte, tat das dem Stuttgarter Spiel sehr gut. Zwar übertrieb er mitunter das Spiel mit hohen, geschnippelten Bällen, die ganz entfernt an Thomas Hitzlsperger erinnerten und eigentlich, zumindest in dieser Fülle, maximal bis in die Bezirksliga funktionieren sollten;aber wenn künftig immer vier oder fünf dabei sind, die echte Gefahr heraufbeschwören und mindestens ein Tor einleiten, kann ich, meiner Vorliebe für flache, scharfe Bälle (die er auch kann) zum Trotz, ganz gut damit umgehen.

Ob es Zufall oder taktische Vorgabe war, dass Okazaki vergleichsweise oft in zentraler Position auftauchte, so wie beim 1:0, weiß ich nicht. Aber es gefällt mir. Und er gefällt mir dort, wie schon des Öfteren unzählige Male gesagt, wesentlich besser – auch weil sein Zusammenspiel mit Molinaro auf der Außenbahn schlichtweg nicht vorhanden ist.

Wenn ich das Spiel grundsätzlich bewerten sollte, würde ich sagen, dass es eine deutliche Steigerung zur letzten Partie darstellte, weil zum einen die Zahl der Fehler weiter verringert und das Spiel nach vorne ein wenig zwingender und dank Kuzmanovic überraschender wurde. Gleichzeitig ließ der VfB wiederum einige zu billige Torchancen zu und vergaß seinerseits vorne, den berühmten Sack zuzumachen. Aber die Tendenz stimmt.

Und da jetzt auch noch Gebhart dabei ist…