Zweikampf

Hin und wieder spiele ich mit jungen Männern Fußball, beziehungsweise, korrekter, gegen sie. Sie sind zumeist flink, ungestüm und wollen den Ball haben. Ich selbst, und meinen Mitspielern geht es in der Regel ähnlich, bin nicht sonderlich flink, dafür mit einer gewissen Ruhe ausgestattet, und will den Ball nicht hergeben.

Möglicherweise habe ich das Spiel im Lauf der Jahre etwas besser verstanden als jene jungen Leute, die noch viel Zeit haben, verfüge zudem über eine ganz akzeptable Ballsicherheit und darf mir auf bescheidenem Niveau ein gewisses Maß dessen zuschreiben, was man heutzutage Pressingresistenz nennt.

Es dürfte auf der Hand liegen, dass meine Vorzüge in erster Linie dann zum Tragen kommen, wenn ich den Ball am Fuß habe und freie Mitspieler finde, mit denen ich ihn zirkulieren lassen kann. Kritisch wird es insbesondere in Situationen, in denen das Zuspiel ungenau ist, ich also zum Ball laufen muss, oder wenn ich ihn schlecht verarbeite. Dann droht sich der Geschwindigkeitsnachteil bemerkbar zu machen.

Im konkreten Beispiel sieht das so aus, dass der hinter mir mit den Füßen scharrende Gegenspieler darauf spekuliert, dem Ball gewissermaßen den Weg abzuschneiden, so er denn zu mir gespielt werden soll. Wenn nun das Zuspiel tatsächlich kommt und möglicherweise etwas lommelig ist, wie man bei uns auf dem Platz zu sagen pflegt, es also auf halbem Wege zu verhungern droht, oder wenn ich ihn in Flippermanier prallen lasse, wird es kritisch.

Der junge Mann hinter mir erkennt seine Chance und versucht, an mir vorbei zum Ball zu gehen. Ich erkenne es und stelle, Verzeihung: laufe meinen Körper in seinen Laufweg, auf dass er mich nicht überholen möge. Er wird noch weiter ausweichen oder sein Glück auf der anderen Seite versuchen, ich reagiere entsprechend. Geht alles gut, bin ich mittlerweile am Ball und kann ihn spielen oder zumindest halbwegs kontrollieren, Pressingresistenz im weiteren Sinne, Sie wissen schon.

Vielleicht geht das Spielchen aber auch weiter. Mittlerweile haben wir sehr unmittelbaren Körperkontakt, er drängt mit jugendlicher Dynamik an mir vorbei, ich werfe gewisse körperliche Vorteile, die ansonsten eher in Kraftsportarten von Nutzen sind, und entsprechende Standfestigkeit in die Waagschale, was kurzzeitig hilft. Leider ist sein Tempo wesentlich höher als meines, er droht vorbeizukommen, den Ball habe ich nur mehr halb unter Kontrolle.

Also breite ich die Arme aus, unter Umständen auch nur einen. Vergrößerung der Körperfläche. Mit etwas Pech schreitet der Schiedsrichter ein, doch im Normalfall lässt er mich an dieser Stelle noch gewähren. Der Weg für den Eroberer verlängert sich weiter, im Idealfall gewinne ich durch eine geschickte Drehung so viel Raum und Zeit, dass ich in Ruhe abspielen kann. Im weniger idealen Fall drängt er sich an meinem Arm vorbei und ist auf dem besten Wege, mir mit dem Ball davonzulaufen. Schnell.

Nun gilt es, taktisch zu handeln. Da schlägt die Erfahrung zu Buche. Ich hänge mich mit dem ganzen Körper inklusive ausgestrecktem Arm in die entstehende Kurve, die Adaption eines Seitenwagen-Beifahrers verkörpernd, und dränge ihn so von seinem Weg ab. Läuft es gut, entfernen wir uns nicht allzu weit vom Ball und ich gelte noch als diesen führend. Läuft es nicht so gut, pfeift der Schiri ab, oder der Gegner kommt allen Bemühungen zum Trotz an mir vorbei.

An dieser Stelle endet die Erzählung. Ich lasse ihn laufen und kann ihm hernach nicht folgen. So ist das im Sport.

Natürlich könnte man sich auch ein anderes Ende vorstellen. Eines, das man zur Genüge kennt. Das man am Wochenende von Sebastian Rudy vorgeführt bekam, weitgehend, aber das nur am Rande. 

Nun denn, weiter:

Also muss ich ihn festhalten. Mit einer Hand erwische ich sein Trikot, allein: seine Dynamik lässt sich so nicht hinreichend bremsen. Ich brauche einen besseren Griff, erwische vielleicht seinen Arm, doch er ist kaum mehr zu halten. Die zweite Hand kommt zu Hilfe, ach was, der ganze zweite Arm, mit etwas Glück erwische ich die Schultern, umfasse die Hüften, irgendwas.

Wir kommen zu Fall. In einer gerechten Welt bekomme ich beim Sturz seinen Schuh ins Gesicht und anschließend gelb.

“Ich bin schlichtweg zu langsam”, murmle ich etwas geknickt vor mich hin und trotte davon. “In manchen Situationen reichen Ball- und Passsicherheit einfach nicht aus”, konstatiere ich kurz darauf, bereits etwas nüchterner.

Dann denke ich ein bisschen sorgenvoll an Oriol Romeu.

0 Gedanken zu „Zweikampf

  1. Wie so oft ein Beitrag von dir, den man mit einem Lächeln im Gesicht liest und wie immer sehr schön geschrieben. Ohne zu wissen, ob wir wirkliche ähnliche Spielertypen sind, kommen mir solche Situationen aus meiner aktiven Zeit als Fußballer allzu bekannt vor.

  2. @abiszet:
    Ich meine mich zu erinnern. Aber Du weißt ja, wie die Blogger sind: narzisstisch bis zum Abwinken, also hör nicht auf!

    @Tobias:
    Aber Du bist doch noch jung! Dynamisch! Ungestüm! Und danke.

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