Platzordner, ungleich verteilt.

Wenn im DFB-Pokal ein unterklassiger Verein („die Amateure“) auf einen Bundesligisten („die Profis“) trifft, handelt es sich für die Amateure gemeinhin um das sogenannte Spiel des Jahres, auf das Mannschaft und Umfeld wochenlang hinfiebern, von finanziellen Hoffnungen einmal ganz abgesehen. Aus Sportlicher Sicht gibt es im Grunde drei typische Szenarien, nach denen so ein Spiel ablaufen kann.

Szenario 1 sieht vor, dass die Amateure hochmotiviert, hervorragend eingestellt und vom Kampf beseelt in die Partie gehen, die dann gänzlich in ihrem Sinne verläuft: man schafft es, lange ein Unentschieden zu halten, erzielt dann -möglicherweise nicht einmal unverdient- die Führung und kann sich letzlich nicht daran satt sehen, wie die Profis zunehmend verzweifelt versuchen, den berühmten Schalter doch noch umzulegen. Die Amateure gewinnen das Spiel, ziehen in die nächste Runde ein und erhalten den Namenszusatz „Pokalschreck“. Beispiele heißen Weinheim, Eppingen, oder Jena [Nachtrag: wie das Beispiel Jena zeigt, klappt’s auch bei Zweitligisten].

Szenario 2 verläuft zunächst weitgehend analog. Im Gegensatz zum ersten Fall schaffen es die Profis jedoch tatsächlich, ins Spiel zu finden und die Partie zu drehen bzw. sich zumindest in die Verlängerung oder das Elfmeterschießen zu retten. Irgendwie schummeln sie sich letztlich in die nächste Runde, das Amateurteam gilt kurzfristig als Sieger der Herzen, während die Profis schon die ersten Interviews mit dem Tenor „Hauptsache gewonnen… der erwartet starke Gegner…. Mund abwischen… Danke“ geben. Exemplarisch sei auf das Spiel der Bayern in der Saison 2007/08 gegen Burghausen oder auch auf zahlreiche weniger spektakuläre Partien verwiesen, an die sich bereits kurz danach keiner mehr erinnert.

Szenario 3 schließlich ist aus Sicht der Amateure das am wenigsten befriedigende. Es könnte ungefähr so ablaufen:

Der Außenseiter tritt dem Favoriten, ungeachtet aller vorausgegangenen Beteuerungen, mit einem lähmenden Respekt entgegen. Man lässt die Profis gewähren, sich von ihnen durch aggressives Forechecking (gibt’s den Begriff eigentlich im modernen Fußball noch?) nicht nur unter Druck setzen, sondern auch jeglichen Schneid abkaufen: man ist das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange.

Nach einer knappen Viertelstunde lädt man dann die Profis zum ersten Treffer ein, was diese -ohne Gegenwehr von Abwehr und Torwart- gerne annehmen, um sogleich mit dem zweiten Tor den Doppelschlag perfekt zu machen. Die Gastgeber sehen sich in ihrer Einschätzung bestätigt, im Grunde ohnehin keine Chance zu haben, und fügen sich, einem gehaltenen Elfmeter zum Trotz, endgültig in ihr Schicksal. Einem Gentlemen’s Agreement aus der Wintervorbereitung Folge leistend, verzichten sie fortan zudem, von einigen Frustreaktionen abgesehen, auf jeglichen Körperkontakt mit den Profis, damit diese angesichts der Herausforderungen der bevorstehenden Rückrunde keine Verletzungen zu riskieren brauchen.

In schöner Regelmäßigkeit erzielen die Profis ein paar weitere Tore und gestehen den Amateuren kurz vor Schluss noch den Ehrentreffer zu. Nach dem Spiel ärgert sich der Außenseiter vordergründig über seine Passivität, trauert möglicherweise der einen Situation nach, die bei anderem Verlauf ganz bestimmt einen gänzlich anderen Ausgang bewirkt hätte; tatsächlich aber weiß man, dass im Grunde alles genau so kam, wie man es insgeheim schon im Vorfeld befürchtet hatte.

Ach so, ich wollte ja eigentlich was zum gestrigen VfB-Spiel gegen die Bayern sagen…
Die Ecke zum 5-1 war gut. Marica eroberte über den Kampf einige Bälle. Fandel hat endlich erkannt, dass Toni sehr häufig foul spielt.

Die Überschrift bezieht sich übrigens auf die -sehr subjektive- Szene des Abends: In der Pause waren 6 Ordner damit beschäftigt, den Rasen in den Strafräumen in Ordnung zu bringen. Allerdings nicht 3 pro Strafraum, auch nicht 4-2 oder 5-1: tatsächlich waren alle sechs im Stuttgarter Strafraum zugange – auf der anderen Seite bestand schlichtweg keinerlei Bedarf. Ein ganz bitterer Anblick.

[Nachtrag: diese „Platzordner“ waren wohl eher „Rasenpfleger“, „Greenkeeper“ oder so etwas Ähnliches.]

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