Sämi

In den letzten Monaten habe ich des Öfteren ein bisschen in die Vergangenheit geblickt. Etwa dreieinhalb bis vier Jahre zurück, um genau zu sein. Auf jene Zeiten, als man noch zu einer überschaubar großen Gruppe gehörte, wenn man sich klar für Sami Khedira in der WM-Stammelf aussprach. Wer waren schon Ballack und Schweinsteiger (die der Verfasser dieser Zeilen im Übrigen fußballerisch sehr schätzte bzw. noch immer schätzt)?

In aller Regel waren Menschen, die wie ich dachten, VfB-Anhänger und hatte Khediras Werdegang in den Jahren zuvor recht intensiv beobachtet, begonnen spätestens bei seinem drohenden Karriereende als A-Jugendlicher, über den Meisterschaftskopfball und die Entwicklung zum Kopf und Herz des damaligen VfB bis hin zur U21-EM. Und darüber hinaus, als sich nur noch die Frage stellte, wann und wohin er gehen würde, um sich auf Augenhöhe messen zu können, und als er doch in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer nicht als ernsthafte Konkurrenz für die Platzhirsche beim DFB galt, noch dazu nach seiner Kreuzbandverletzung im März 2010.

Die Zeiten haben sich geändert. Binsenweisheit, nicht wahr? Wenn man in diesen Tagen die Kommentare liest, die Quervergleiche zu Ballack 2010, die Elogen auf Khediras integrierende, ausgleichende Wirkung bzw. die damit einher gehende Sorge um die Kabinenharmonie, die Betonung seiner fußballtypologischen Einzigartigkeit, dann könnte man entweder „told you so“ sagen oder aber eine bemerkenswerte Entwicklung konstatieren. Die natürlich, told you so, für den gemeinen Stuttgarter nicht ganz unerwartet kam.

Umso verwunderlicher, dass ich mich in den besagten letzten Wochen regelmäßig bei dem Gedanken ertappte, nicht so recht zu wissen, wieso Khedira im Grunde immer spielt. Oder anders, dass ich meinen Satz nicht zu Ende führen konnte:

„Er läuft vielleicht nicht so leichtfüßig wie Gündogan, hat nicht dessen Schuss Genialität, kann den letzten und vorletzten Pass nicht so gut spielen oder auch verwerten wie Schweinsteiger, ist nicht so ballsicher und schussstark wie Kroos, nicht so pressingresistent und behände wie Lahm, und möglicherweise ist er auch nicht so hart im Nehmen wie die Benders, aber …“

Und dann hing ich ein bisschen. Wusste nicht so recht, ob er wirklich so zwingend gesetzt sein müsse, wie man mitunter meinen konnte, dass er es sei. Wie er es vielleicht auch war. Wäre. War er da und fit, spielte er. Während zum Beispiel Gündogan noch einen Status hatte, der ungefähr dem oben beschriebenen von Khedira 2009/10 entsprach. Und gleichzeitig konnte – und kann – ich mir nicht vorstellen, dass eben dieser Gündogan in Brasilien auf der Bank sitzt. Weil er, was für ein ausgefuchstes Argument, zu gut ist.

Skeptiker mögen zu Recht erwidern, dass ich an anderer Stelle schon einmal sagte, ich könne und wolle mir nicht vorstellen, Mats Hummels bei der WM nicht in der Startelf zu sehen. Was im Moment nicht so abwegig erscheint. Also dass er nicht in der Startelf steht. Weil Mertesacker und Boateng stabiler wirken, ungeachtet der Hummels’schen Eleganz und vor allem seiner Spieleröffnung.

Aber das ist ein anderes Feld. Hier geht’s um Sami Khedira. Den alle Welt, zu meinem jahrelangen Erstaunen, Sämi nennt. So wie man damals Mehdi Ben Slimane, Tunesier wie Khediras Vater, mancherorts gerne mal Ben Slimeijn aussprach. Dachte ich. Bis mir zugetragen wurde, Khedira selbst lege Wert auf Sämi. Oder Sämmi, so genau weiß ich das nicht. Ist ja auch nicht so wichtig jetzt. Wichtiger wäre, ihn zur WM wieder hinzubekommen. Den Sämi.

Der vielleicht nicht so leichtfüßig ist wie Gündogan, dem wohl auch dessen Hauch Genialität abgeht. Der nicht so torgefährlich ist wie Schweinsteiger und dem dessen Fast-schon-Stürmer-Vergangenheit fehlt. Der die Bälle weniger elegant verteilt als Kroos und nicht so akkurate Pässe schlägt. Der einen größeren Wendekreis hat als Lahm und anders als die Benders nicht zum Innen- oder Rechtsverteidiger taugt.

Der diese wunderbare Mischung aus Selbstbewusstsein, Professionalität und gar einem Schuss Demut ausstrahlt, Und der so herrlich unauffällig und doch so effektiv spielen kann. Möglicherweise würde ich, wäre sie nicht so überstrapaziert, an dieser Stelle auch noch die Formulierung von dem Spieler, der seine Mitspieler besser macht oder sie glänzen lässt, verwenden. Vieles spricht dafür, dass er genau das tut. Auch wenn ich es nicht nachweisen kann.

Kurz: ich sähe ihn gerne bei der WM. Aus vielerlei Gründen. An erster Stelle seiner selbst wegen. Aber ich räume ein, dass er bei mir a priori nicht spielen würde, wenn Schweinsteiger und Gündogan fit wären. Die Tönung der VfB-Brille ist ein wenig verblasst.

11 Gedanken zu „Sämi

  1. Was war denn der Grund, dass es ein drohendes Karriereende als a-Jugendlicher gab. Schonmal eine schwere Verletzung? Du scheinst da informiert zu sein 🙂

    Finde Sami Kedhira eigentlich nicht so torungefährlich und würde deshalb der These nicht zustimmen, dass er weniger torgefährlich ist als Schweinsteiger. Hab jetzt keine Zahlen parat, aber die spielen vielleicht nur eine Nebenrolle. Kedhira hat ja für den VFB durchaus das eine oder andere Tor gemacht, damals, als er noch mehr in die Offensive gehen konnte als es das heute der Fall ist, bei den Weißen und in der Nationalelf. Dazu hab ich bei Schweinstieger den Eindruck, dass er gar nicht torgefährlich ist, wenn er die tendenziell eher absichernde, defensive Rolle einer Doppelsechs oder sogar den einzigen defensiven Zentralen geben muss.

    Finde vielmehr, dass Schweinsteiger, wenn er fit ist, ein ziemlich gutes Stellungsspiel hat, und zwar gar nicht mal so sehr, um Bälle abzufangen, sondern um in Zweikämpfe zu kommen. Zumindest hab ich ihn so bei der WM 2010 gesehen, als er gefühlt immer seine Gräten zwischen Ball und Gegner gebracht hat und sofort den Angriff gestartet hat. Kedhira kann das auch nicht schlecht, aber eben nicht in dieser Perfektion vom fitten Schweinsteiger.

    Ach so, bevor ich es vergesse: Pfosten gegen Italien, wenn das mal keine Torgefahr ist 😉

  2. @trurll:
    Ja, er hatte in der A-Jugend bzw. an der Schwelle zu den Profis mit derart massiven Knieproblemen zu kämpfen, dass die Ärzte ihm schon ein Karriereende nahelegten, es gibt auch Interviews mit entsprechenden Aussagen von ihm selbst.

    Die Legende sagt meines Wissens zudem (finde aber grade keine Quelle, vielleicht spielt mir auch die Erinnerung einen Streich), dass es in jener Zeit nicht zuletzt DFB-Trainer Hrubesch (und weniger die VfB-Verantwortlichen) gewesen sei, der ihn stets gestützt habe.

    Bzgl. Schweinsteiger bin ich, „natürlich“, möchte ich sagen, von seinem Stellungsspiel ebenfalls sehr begeistert, auch von seinen Passquoten, aber speziell bei Ersterem sehe ich den Unterschied zu Khedira nicht als so deutlich an wie bei der Offensivkraft.

    Klar, Khedira hat zu VfB-Zeiten manches Tor geschossen, und klar, er spielt in Madrid eine sehr defensive Rolle in einer lange Zeit zweigeteilten Mannschaft. Gleichwohl finde ich schon, dass man die eine oder andere Zahl bemühen darf und vielleicht auch sollte:

    Schweinsteiger hat seit der Saison 2009/10, als ihn van Gaal zurückzog, in 125 Bundesligaspielen 17 Tore erzielt und 18 vorbereitet, Khedira kam in eben dieser Zeit in Bundesliga und Primera Division auf 8 und 5, in 114 Spielen. In der Nationalelf liegt Schweinsteiger seit 2010 bei 28/4/10, Khedira bei 43/3/4.

    Und nicht zu vergessen: das subjektive Empfinden: wenn Schweinsteiger in Strafraumnähe den Ball hat, halte ich entstehende Torgefahr für deutlich wahrscheinlicher als bei Khedira. Gefühlt. Dem Pfostenschuss zum Trotz.

    Ach, Gefühle und Fußball.

    1. Vielleicht sollten wir Herrn Khedira zukünftig Sammy nennen bzw. schreiben. Das würde nicht nur die Identifikation mit dem Hausherrn ins Unermessliche steigen lassen, sondern möglicherweise auch die Torausbeute.

  3. Also ich weiß von Freunden, die mit ihm Silvester 2009 gefeiert haben (bei mir in der unmittelbaren Nachbarschaft), dass diese ihn alle mit „Sami“ (gesprochen wie es geschrieben wird) angeredet haben und dass das in Ordnung für ihn ist. Ich kenne auch Leute aus seinem direkten Umfeld, die mir dies nochmals bestätigten. Ich habe darauf die Fernsehsender ARD, ZDF und die Sportredaktion des SWR angeschrieben. Von der ARD kam keine Antwort; das ZDF wich meiner Antwort total aus und verhedderte sich mit irgendwelchen Sprach“experten“, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, und der SWR antwortete mir, angeblich würde Khedira selbst die Aussprache „Sämi“ bevorzugen. Den letzten Beweis (Video / Interview, wo er dies bestätigt) ist mir der SWR schuldig geblieben

  4. @Friedhelm: Vielen Dank für die intensive Recherche und das ausführliche Teilen! Mein „Sämi“ kommt interessanterweise auch von Leuten aus seinem persönlichen Umfeld.
    Vielleicht hat er sich auch einfach daran gewöhnt, mit beidem umzugehen.

  5. @heinzkamke: Ich hatte vor erst vor 2 Tagen das Vergnügen, mich mit einem befreundeten Dolmetscher, der des Arabischen mächtig ist, zu unterhalten, und habe ihn auch wegen Sami Khedira angesprochen. Er sagte mir, dass die Aussprache „Sami“, wie es geschrieben wird, defintiv richtig ist. In der arabischen Sprache, auch in den nordafrikanischen Dialekten, wie sie z.B. in Tunesien (Khediras Vater ist Tunesier) gesprochen werden, gibt es eine Lautverschiebung von a von „ä“ nicht.
    Warum Khedira angeblich die Aussprache „Sämi“ möchte, konnte er mir nicht sagen.

    Bei youtube gibts übrigens Videos von der Verleihung der „Goldenen Henne 2014“.
    Der Moderator der Sendung (ARD) spricht in mit „Sami“ an, der Reporter im späteren Interview mit „Sämi“.

  6. Danke schön, erneut. So hatte ich das auch immer eingeschätzt: dass die Lautverschiebung zum Ä Unsinn ist. Das Thema hatten wir auch schon vor vielen Jahren, als Mehdi Ben Slimane in Freiburg spielte und Slimän oder, noch häufiger, Slimeijn herauskam.

    Dass Khedira in jungen Jahren eine Anlehnung an den coolen (?) Namen Sammy attraktiv gefunden haben könnte, käme auch nicht so überraschend. Vielen von uns dürfte das eine oder andere Beispiel eines anglisierten oder amerikanisierten Kosenamens im persönlichen Umfeld einfallen. Hier: ein junger Mann namens Jäger, der zu Jagger wurde, „Mackie“ statt Markus, „Jimmy“ Schimanski, „Blacky“ Schwarz oder der kürzlich genannte „danger“. Vermutlich könnte man auch all jene französichen Jeffs nennen, die eigentlich Jean-François heißen.

  7. Ich erinnere mich, dass die Radiokommentatoren beim Bundesliga-Finale 2007 von Sami Khedira sprachen, Sami gesprochen wie es geschrieben wird. Denn Sami Khedira erzielte den Siegtreffer zum 2:1 über Cottubs – was den Gewinn der Deutschen Meisterschaft für den VfB bedeutete. Und die Kommentatoren flippten im Radio fast aus „Jaaaa! Sami Khedira, der Allrounder….“

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