Disaster Recovery

Nein, kein wirklicher IT-Notfall, keine Wiederherstellung. Eher ein persönliches Desaster war das am Samstag, von dem ich mich so langsam wieder erhole.

Der eine oder die andere hat vermutlich mitbekommmen, dass ich das Spiel des VfB gegen Schalke für die Sportredaktion von ZEIT ONLINE twitternd begleiten sollte, sozusagen live aus der gefühlten Cannstatter Kurve. Aparter Gedanke, fand ich. Dumm nur, dass die Netzverfügbarkeit dort während eines Spiels nicht immer gewährleistet ist. Dass Bandbreite kein öffentliches Gut ist, liegt offensichtlich nicht nur an der Ausschließbarkeit, sondern auch an der Rivalität. Zu viele Menschen in der Kurve.

Hätte man auch vorher wissen können? Ja, hätte man. Wusste man sogar. Ein Stück weit. Mir war von früheren Spielen klar, dass das Netz mitunter sehr schlecht ist und der eine oder andere Tweet etwas länger braucht. Was ich meist auf meinen Anbieter geschoben hatte, weil ich Menschen mit anderen Geräten erfolgreicher hantieren sah. Also bewegte ich mich mit zwei verschiedenen Mobiltelefonen in zwei verschiedenen Netzen durch das Stadion; mein Stadionnachbar steuerte zur Sicherheit noch ein drittes Netz bei. Als Notfallplan bestand, das redete ich mir zumindest ein, die Option, Tweets per SMS an die Redaktion zu senden, die dann damit machen würde, was sie für richtig hielte.

Was soll ich sagen? Pustekuchen! Bis kurz vor Spielbeginn klappte die Twitterei noch ganz ordentlich, wenn man von der seelischen Belastung absieht, die am Vormittag durch ein zersplittertes Display entstanden war und noch immer anhält. Das änderte sich relativ rasch, nach wenigen Spielminuten funkte ich bereits SMS. Die erste Kurznachricht kam noch durch, danach ging buchstäblich nichts mehr. Keine Timeline. Keine Tweets. Keine SMS. Weder bei Alice. Noch bei Vodafone. Noch beim großen T. Ich war wohl ein wenig verzweifelt. Wenn mir vielleicht jemand bei Gelegenheit erzählen könnte, was sich auf dem Spielfeld ereignete?

Nach der Pause entspannte sich die Situation ein wenig und es gelang mir, einige SMS-Tweets abzusetzen. Ob sie allerdings in der Redaktion angekommen waren und es in die Timeline geschafft hatten, erfuhr ich erst nach dem Spiel, von Interaktion und der Reaktion auf @-Replies will ich gar nicht reden. Den Rest des Tages verbrachte ich mit der Decke über dem Kopf im Bett.

Ach so, ich könnte ja noch einen Satz zum VfB sagen. Oder zu Herrn Dr. Brych, auch wenn dazu längst alles gesagt ist, mit unterschiedlichen Nuancierungen. Die Forderungen nach einem Platzverweis für Pogrebnyak halte ich für hanebüchend (sic!), aber ein Foul war’s auch aus meiner Sicht. Das Handspiel hätte ich wohl nicht gegeben, aber zumindest in einem Punkt bin ich beim Schiedsrichter: wenn er das Handspiel pfeift, muss er nach meinem Regelverständnis auch Rot ziehen, unabhängig davon, wie er (oder auch ich) zu dieser Regel steht.

Wie auch immer: Kuzmanovic traf, das Spiel war entschieden. Was man aber erst hinterher wusste. Als Stuttgarter hätte man sich natürlich gewünscht, nicht bis zum Abpfiff zittern zu müssen. Scheint mir bei 75-minütiger Überzahl nicht gänzlich vermessen, auf etwas überlegtere Angriffe zu hoffen, vielleicht sogar auf ein zweites Tor, das ja in einigen wenigen Situationen tatsächlich in der Luft lag. Immerhin erhielt so die Abwehr die Gelegenheit, ihr ramponiertes Image etwas aufzupolieren. Insbesondere Georg Niedermeier, angesichts dessen Aufstellung reichlich Kopfschütteln herrschte, wünsche ich, dass ihm das Spiel das nötige Selbstvertrauen für die nächsten Spiele gibt. Und dass Sven Ulreich kurz vor Schluss den Sieg festhielt zur Ecke rettete, wird ihm auch nicht schaden. Zumindest hat man mir das so erzählt.

Fast vergessen: die Balakov-Huldigung (beinahe hätte ich Ballack geschrieben, so präsent ist er derzeit in der öffentlichen Diskussion um Kaisers Bart) der Kurve war großer Sport, das „Magath raus“-Plakat im Schalker Block für den neutralen Beobachter zu diesem Zeitpunkt auch, die Stuttgarter Reaktion („Ohne Magath habt Ihr keine Chance“), nun ja, unerwartet. Man konnte zu dem Schluss kommen, Magath habe den VfB, bei dem er sehr erfolgreich gearbeitet hatte, seinerzeit in bestem Einvernehmen verlassen.

Nächstes Wochenende bietet die Partie bei Sankt Pauli die Gelegenheit, erstmals wieder am Ende eines Spieltags die Abstiegsplätze zu verlassen, aus eigener Kraft. Ähnliches werden sich alle anderen Abstiegskämpfer sagen, die in den nächsten Wochen ebenfalls ständig auf direkte Konkurrenten treffen – Kunststück, wenn die halbe Liga taumelt.

Ich glaube nicht, dass die Mannschaft stark und vor allem gefestigt genug ist, eine Serie zu starten, die es ihr erlaubt, in fünf oder sechs Wochen relativ entspannt auf  „die da unten“ zu schauen, glaube vielmehr, dass es noch eine Reihe von Rückschlägen und das damit einher gehende Auf und Ab zu beklagen geben wird. Aber ich glaube wieder fest an die Aufs, was zuletzt nicht immer der Fall war, und bin zuversichtlich, dass es gelingen kann, vor dem letzten Spieltag den Klassenerhalt zu sichern. Würde die Partie in München aus Stuttgarter Sicht deutlich entspannen. Und man könnte gelassen abwarten, ob die Bayern die Qualifikation noch schaffen. Wofür auch immer.

Bis dahin dürfte ich auch das samstägliche Desaster verarbeitet haben.

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